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Sechs Jahre STD-Sentinel-Surveillance in Deutschland – Zahlen und Fakten

Chlamydien- und humane Papillomviren-Infektionen zählen in Deutschland zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STIs). Bis zum Jahr 2000 regelte das „Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ die Meldepflicht der STIs: Syphilis, Gonorrhö, Ulcus molle und Lympho granuloma venereum. Seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001 sind jedoch nur noch Syphilis und HIV meldepflichtig. Um trotzdem einen Überblick über die epidemiologische Situation der STIs in Deutschland zu behalten, wurde Ende 2002 mit der Einrichtung eines Sentinel-Surveillance-Systems begonnen. In allen Regionen Deutschlands wurden Gesundheitseinrichtungen ausgewählt, die seit her kontinuierlich Daten zu STIs berichten.
Gerade bei Frauen stellen STIs durch Chlamydien häufig ein Problem dar, denn sie können in bis zu 80 % der Fälle asymptomatisch verlaufen und unbehandelt schwerwiegende gesundheitliche Folgen hervorrufen. Aus diesem Grund wurde zum
1.1.2008 für alle sexuell aktiven Frauen unter 25 Jahren ein nationales Chlamydien-Screeningprogramm eingeführt.
In vielen europäischen Ländern wurde in den letzten Jahren, ca. seit dem Jahr 2000, über eine Zunahme von STIs berichtet. Die Infektionszahlen aus den deutschen Melde aten für Syphilis und HIV zeigen insbesondere bei Män nern, die Sex mit Männern haben (MSM), einen Anstieg in den letzten Jahren.

(...) Bei den Männern hatten insgesamt 90 % Kontakte mit ihrem festen Partner oder ihrer festen Partnerin, aber 58 % hatten auch zusätzlich Kontakte mit „anderen Partnern“.
Sieht man sich jetzt noch einmal heterosexuelle Männer und Männer, die (auch) Sex mit Männern hatten (MSM), getrennt an, so hatten 61 % der MSM zusätzlich Kontakte außerhalb ihrer Beziehung, verglichen mit 43 % der hetero sexuellen Männer. 7 % der heterosexuellen Männer hatten Kontakte mit Prostituierten, während 2 % der MSM Kontakte mit Freiern angaben, also in der Sexarbeit tätig waren. (...) 50 % der männlichen Sentinel-Patienten, die seit mindestens 6 Monaten in einer festen Beziehung lebten, waren MSM. Verglichen mit heterosexuellen Männern, hat ten MSM erwartungsgemäß auch in festen Beziehungen höhere Partnerzahlen, Median 3 zu 1 Partner in den letzten 6 Monaten. (...) 16 % der MSM verwendeten keine Kondome mit Prostituierten, Strichern oder Freiern. (...) 1 % aller MSM gaben auch an, nie Kondome mit „anderen Partnern“ zu verwenden. (...) 70 % aller männlichen Patienten hatten Sex mit Männern, was die bereits bekannte STI-Risikogruppe MSM auch von den Sentineldaten her bestätigt.

(Robert Koch Institut)

"Epidemio­lo­gische Daten des Robert Koch-Instituts zeigen, dass Sex unter Männern mit einem besonders hohen Übertragungs­risiko für verschiedene Infektionen einhergeht. So entfallen mehr als zwei Drittel der jährlichen Neu­in­fek­tionen mit HIV auf die Gruppe der MSM. Auch bei Syphilis­erkrankungen mit bekanntem Infektions­weg wurden 85% aller Erkran­kungen auf Sex unter Männern zurückgeführt. Aus der Diskrepanz zwischen der Infektions­häufigkeit bei MSM und dem Anteil von MSM an der Bevölkerung (ca. 3-5%) resultiert das gegen­über der Allgemein­bevölkerung deutlich erhöhte Infektions­risiko.
Stand: 21.08.2017"
(Quelle: www.rki.de)


"Chlamydia trachomatis Untersuchungen bei Männern
Ergebnisse des Laborsentinels für 2008 – 2013

(...) Insgesamt stellten wir einen Anteil von 10 % positiver Untersuchungen fest, wobei Sachsen mit 6 % den niedrigsten und Nordrhein-Westfalen mit 12 % den höchsten Positivenanteil aufweisen. Die beobachteten hohen Positivenanteile inProben von jungen Männern korrelieren mit dem Alter der größten sexuellen Aktivität, dem 2. und 3. Lebensjahrzehnt (...) Unter den angegebenen Probenarten hatten Rektalabstriche den höchsten Positivenanteil mit 12 %. Diese Proben
stammen alle aus Berlin und obwohl im Datensatz keine Angaben zu Sexualverhalten enthalten waren, sind sieMännern, die (rezeptiven) Sex mit Männern (MSM) haben,zuzuordnen, da ein anderer Transmissionsweg für eine rektale Infektion nahezu ausschließbar ist. Der festgestellte hohe Anteil positiver Untersuchungen liegt etwas höher als bei anderen Studien über MSM. Bei Ko-Infektionen mit anderen STI oder HIV kann der C.-trachomatis-Positivenanteil jedoch höher liegen. Da in unserem Datensatz keine Informationen dazu vorliegen, können wir hierzu keine Aussage treffen. Grundsätzlich allerdings erhöhen rektale bakterielle Infektionen das Risiko einer HIV-Infektion, wodurch diesem Ergebnis hohe Bedeutung zukommt.
Besonders erhöht (um das 8-fache) ist dieses Risiko bei einer Ko-Infektion mit Gonokokken. Aus dem untersuchten Datensatz ist jedoch nicht erkennbar, wie häufig positive Proben ebenfalls Gonokokken-positiv waren.

(...) Der zunehmende Trend im Positivenanteil von Abstrichen ohne weitere Spezifikation ist am stärksten, jedoch nicht einfach zu interpretieren. Da der Anstieg vor allem in Proben aus Berlin und Nordrhein-Westfalen zu beobachten ist, verbergen sich vermutlich viele positive Rektaltupfer von MSM dahinter.
Es sind nur wenige Informationsquellen zu Infektionen mit Chlamydia trachomatis bei Männern in Deutschland vorhanden. Mit dem Laborsentinel konnte ein großer Datensatz mit Ergebnissen von Untersuchungen von Männern aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands analysiert werden. Die dargestellte Datenanalyse ist auf fünf Bundesländer mit repräsentativen Daten limitiert, unter denen sich zwei befinden, die sich durch einen hohen Anteil an MSM von den restlichen Bundesländern unterscheiden.

Daher sind generelle Ergebnisse über Positivenanteile und Trends trotz gegebener Repräsentativität vorsichtig zu interpretieren. Der Datensatz enthält keine Informationen zu sexuellem Verhalten oder Testgründen sowie keine Details zu Testmethoden. Dadurch sind die identifizierten Zusammenhänge, teilweise von theoretischem Charakter und könnten in der Realität anders aussehen. Dennoch konnten wir beobachten, dass eine vermehrte Testung von Urinproben bei jungen Männern insgesamt zu einem Abfall des Positivenanteils zwischen 2008 und 2013 geführt hat.

Eindeutigere Ergebnisse liefern die Untersuchungen von Rektalabstrichen von MSM aus Berlin. Der beobachtete hohe Anteil an Infektionen und das damit verbundene, erhöhte Risiko für eine HIV-Infektion stellen ein Problem mit Public-Health-Relevanz dar, an das Ärzte während der Gesundheitsversorgung von MSM denken sollten."

(Robert Koch Institut)


"Von den 3.674 HIV-Neudiagnosen im Jahr 2015 entfielen 1.851 Neudiagnosen auf die Transmissionsgruppe Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Unter MSM wurden im Gegensatz zum Vorjahr (n = 1.894) in absoluten Zahlen 43 Neudiagnosen weniger gestellt, dies entspricht einem leichten Abfall von 2 %. Mit einem relativen Anteil von 50,4 % aller HIV-Neudiagnosen in 2015 (inklusive der Meldungen ohne Angaben zum Infektionsweg) stellten MSM, wie auch schon in den Vorjahren, die größte Gruppe unter den HIV-Neudiagnosen dar."

(Robert Koch Institut)