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Identitaet

Sexuelle Identität


Sexuelle Identität
bezeichnet den auf sexueller Orientierung basierenden Teil der Identität einer Person.[1] Der Begriff der Identität ist auf das Individuum bezogen und beschreibt, wie sich die Person selbst definiert. Die sexuelle Orientierung hingegen ist auf eine andere Person gerichtet und definiert das nachhaltige Interesse einer Person bezüglich des Geschlechts eines potenziellen Partners auf der Basis von Emotion, romantischer Liebe, Sexualität und Zuneigung. Sexuelle Identität ist mit sexueller Orientierung keinesfalls gleichzusetzen, sie geht darüber hinaus.

Sexuelle Identität in der Psychoanalyse

Die Psychoanalytikerin Donna Bassin begreift zur Herausbildung der Konzeption des eigenen Ich die Anerkennung der geschlechtlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Darauf basierend wirkt die gleich- oder gegengeschlechtliche Identifikation (zu Mutter oder Vater) des jeweiligen Individuums. Die geschlechtliche Identität könne aufgrund früher Körper-Ich-Erfahrungen später auch in den Hintergrund rücken oder gerückt werden. Nach Freud entwickelt sich zuerst die Körper-Ich-Identität des jeweiligen Individuums. Diese stellt, metaphorisch gesprochen, gewissermaßen ein Gefäß für erweiterte Entwicklungen zur eigenen Identität dar.[2]

Ab einem Alter von 18 bis 24 Monaten beginnt das Kind Geschlechtsunterschiede zu erkennen (unterscheidet zwischen sich, Mutter, Vater) und zur Herausbildung seiner sexuellen Identität orientiert es sich primär am gleichgeschlechtlichen Elternteil.[3] „Das Mädchen lernt bei der Mutter wie es Frau, der Junge vom Vater wie er Mann wird. Unsicherheit in der Geschlechtsrollenentwicklung, weil einer der beiden Eltern fehlte, kann später zu Problemen im Umgang mit dem eigenen und mit dem anderen Geschlecht führen.“[4]

Das Kind entwickelt seine sexuelle Identität aber auch aus der gegengeschlechtlichen Differenzierung des gegengeschlechtlichen Elternteils, also die Tochter identifiziert sich (später als Frau) auch durch die Haltung des Vaters gegenüber der Mutter oder der Sohn auch aus der Haltung der Mutter gegenüber dem Vater.[5]

Sexuelle Identität in der systemischen Familientherapie

Zusätzlich zu den teilweise übereinstimmenden Erkenntnissen mit der Psychoanalyse beachtet die systemische Familientherapie funktionale/dysfunktionale Familienstrukturen zu Entwicklungen/Störungen der sexuellen Identität. Insbesondere die Verletzung von Generationsgrenzen (vgl. Parentifizierung) kann die Entwicklung hinsichtlich der sexuellen Identität des jeweiligen Kindes und seiner/ihrer angemessenen Rollenentwicklung irritieren (oder verstören).[6]

Eine (verachtende) Abwertung eines (insbesondere des gleichgeschlechtlichen) Elternteils aus einer (dysfunktionalen) Triangulierung führt üblicherweise zu Identitätsproblemen.[7] Unter einer (dysfunktionalen) Triangulierung leiden auch nach einer Trennung der Eltern Jungen meist mehr als Mädchen – da Mütter oftmals Wut, Verachtung, Abwertung gegenüber dem Vater auf ihr männliches Kind zu projizieren tendieren, womit die Entwicklung zu männlicher Identität schwierig für den Sohn wird.[8]

Sex- und Gender-Identität

Sex bezieht sich auf die biologischen und physiologischen Eigenschaften, die Männer und Frauen definieren (z. B. Geschlechtsorgane, Chromosomen). Gender bezieht sich jenseits körperlicher Merkmale auf die subjektiv erlebte Art und Auslegung eigener Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle.

Unterscheiden sich die Geschlechtsidentität oder das Geschlechtsrollenverhalten eines Menschen von seinem Zuweisungsgeschlecht, wird in der Medizin und Psychologie von Geschlechtsinkongruenz gesprochen. Damit kann einhergehen, dass derjenige Unbehagen mit seinen primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen empfindet (bei Jugendlichen, deren Körper sich noch entwickelt, auch Unbehagen mit seinen antizipierten sekundären Geschlechtsmerkmalen) oder dass er geschlechtsangleichende Maßnahmen wünscht. Dies ist aber nicht immer der Fall.[9]

Unter einer Störung der sexuellen Identität wird allgemein bereits eine grundsätzliche Verunsicherung bezüglich der eigenen Männlichkeit oder der eigenen Weiblichkeit verstanden. Wenn selbst gezweifelt wird, also Unsicherheit darüber besteht, ob man sich als „richtiger“ Mann oder als „richtige“ Frau verstehen kann.[10][11]

Transidentität

Als Transidentität wird bezeichnet, wenn ein Mensch sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, welches ihm bei der Geburt zugewiesen wurde. Der Wunsch nach körperlicher Anpassung soll der ganzheitlichen Erfüllung der eigenen (Gender-)Identität und einem Leben in der entsprechenden Rolle dienen, ist jedoch keine Voraussetzung, um transgeschlechtlich zu sein, dies ist auch ohne den Wunsch nach körperlichen Veränderungen möglich.[12][13]

Transidente fühlen sich häufig im „falschen“ Körper gefangen. Ein Zusammenhang zwischen (verdrängter) Homosexualität und Transidentität ist nicht nachgewiesen.[14] In älteren Theorien wurden häufig Erziehung oder Sozialisierung als Ursachen postuliert. Neuere neurologische Forschungen postulieren „Transidentität als eine Form hirngeschlechtlicher Intersexualität zu verstehen.“ Letztlich können Ursachen für das Phänomen Transidentität aber bislang nicht schlüssig erklärt werden.[15] Die These, wonach Gender-Identität ausgebildet würde allein aufgrund gesellschaftlich konstruierter Rollen, Verhaltensweisen, Aktivitäten und Attribute, die für Männer und Frauen als angemessen erachtet werden, wie auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angegeben,[16] kann so nicht verifiziert werden.[17][18][19][20]

Adoptionsdebatte

Bei der Debatte um Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare werden unterschiedliche Meinungen vertreten. Judith Stacey und Timothy Bibiarz gehen davon aus, dass die sexuelle Identität des Kindes durch die sexuelle Orientierung der Adoptiveltern nicht beeinträchtigt werde. Vielmehr orientieren sich betroffene Kinder am Geschlecht der Adoptiveltern.[21] Da die Datenlage bislang, insbesondere was lesbische Elternschaft betrifft, jedoch kaum repräsentativ ausfällt, plädieren Stacey und Bibiarz für ein „soziales Labor“ geplanter lesbischer Elternschaft.[22]

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz in Deutschland

Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz existiert keine eindeutige Definition des Begriffs sexuelle Identität, es wird aber dahingehend interpretiert, dass sexuelle Identität nicht enger als der Begriff sexuelle Orientierung gefasst werden darf.[23] Im Rahmen des Betriebsverfassungsgesetzes § 75 Grundsätze für die Behandlung der Betriebsangehörigen soll grundsätzlich keine Benachteiligung aufgrund von sexueller Orientierung oder sexueller Identität stattfinden. Als sexuelle Identität werden innerhalb des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes Hetero-, Homo-, Trans- und zwischengeschlechtliche Sexualität interpretiert.[24]

„Die sexuelle Veranlagung sowie die Selbstbestimmung im Bereich der Sexualität soll umfassend geschützt werden. Nicht geschützt sind allein unter Strafe gestellte sexuelle Neigungen wie Pädophilie (sexuelle Handlungen an Kindern), Nekrophilie (sexuelle Handlungen an Leichen) und Sodomie (sexuelle Handlungen an Tieren).“

– Hans-Werner Spreizer, Tanja Fuß[25]

Relativierung primär soziokultureller Einflüsse auf die sexuelle Identität

Die Registrierung von Geschlechterdifferenzen in der Medizin bewege sich „bislang noch in den Kinderschuhen“, so Moré in einem Artikel über die Geschlechtsspezifik aus Sicht der pädiatrischen Psychologie. „Neue Erkenntnisse, die nicht nur den Einfluss der Geschlechtshormone bei allen Krankheiten belegen, sondern auch eine geschlechtsspezifische Prägung jeder Körperzelle durch die jeweilige Chromosomen-Kombination […], relativieren die in der Geschlechterforschung teilweise vertretene Auffassung einer primär oder ausschließlich soziokulturell geprägten Unterschiedlichkeit der Geschlechter.“[26]

Einzelnachweise

1) Margret Göth, Ralph Kohn: Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Springer, Berlin/Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-37308-4, S. 6.
2) Katharina Liebsch: Psychoanalyse und Feminismus revisited. In: Freud neu entdecken. Ausgewählte Lektüren Herausgegeben von Rolf Haubl und Tilmann Habermas. Göttingen 2008, S. 178–179.
3) Uwe Hartmann, Hinnerk Becker: Störungen der Geschlechtsidentität. Ursachen, Verlauf, Therapie. Wien/New York 2002, S. 21 ff.
4) Wilfrid v. Boch-Galhau: Die induzierte Eltern-Kind-Entfremdung und ihre Folgen (Parental Alienation Syndrome – PAS) im Rahmen von Trennung und Scheidung. (doc) S. 6.
5) Vgl. Uwe Hartmann, Hinnerk Becker: Störungen der Geschlechtsidentität. Ursachen, Verlauf, Therapie. Wien/New York 2002, S. 22.
6) Am Beispiel des weiblichen Kindes (Tochter) – vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: 14.1.3 Sexueller Mißbrauch in der Familie - eine Verletzung der Generationsgrenzen (Memento vom 15. April 2016 im Internet Archive): „Die Mutter stellt keine Person für sie dar, die ihr helfen kann, sich mit dem Leben zurechtzufinden. Sie ist auch keine Autorität, die Orientierung gibt und Anleitungsfunktion übernimmt.“
7) Vgl.Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: 14.1.3 Sexueller Mißbrauch in der Familie - eine Verletzung der Generationsgrenzen (Memento vom 15. April 2016 im Internet Archive): „Zwar geht auch hier diese Rolle mit einer Überforderung der Tochter einher, aber sie gibt ihr ebenfalls ein Gefühl, wichtig zu sein. Dieses Gefühl von Bedeutung ist neben allem Leid, das damit verbunden ist, eine nicht zu unterschätzende Kompensationsmöglichkeit für die vielfachen Abwertungsprozesse und die emotionale Ablehnung durch die Mutter. Wird ihr diese für ihre Identität wichtige Bedeutung z. B. durch die Aufdeckung des sexuellen Mißbrauchs oder die Herausnahme aus der Familie genommen, sind ggf. Dekompensationen oder eine massive Abwehr von Hilfestellungen zu beobachten.“
8) Almuth Massing, Günter Reich, Eckhard Sperling: Die Mehrgenerationen-Familientherapie. Göttingen 2006, S. 193 f: „Wenn Scheidungskonflikte ungelöst bleiben, ist dies für die Kinder immer mit Loyalitätskonflikten verbunden, die mit Identitätskonflikten einhergehen. […] Den Jungen fehlt die gleichgeschlechtliche Hälfte ihrer Identität. Diese und damit das wesentliche Bild vom Mann-Sein erscheinen oft als entwertet. Zudem beobachten wir immer wieder, daß insbesondere Jungen von ihren Müttern die von diesen abgelehnten, negativen Eigenschaften der Väter zugeschrieben bekamen […]. So erscheint für Jungen die Orientierung in Scheidungskonflikten oft schwieriger als für Mädchen. Mit einer ganzen Reihe anderer Autoren fanden auch wir, daß sie in der Regel mehr und stärkere Symptome aufwiesen als Mädchen. Insbesondere die Dosierung und Balancierung traditionell männlicher Eigenschaften (zum Beispiel der Aggressivität) erscheint schwieriger. […] Und auch erfolgreich und unabhängig zu sein, ‚seinen Mann zu stehen‘, wie es traditionell heißt, kann dann schwieriger werden.“
9) Geoffrey M. Reed u. a.: Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11: revising the ICD-10 classification based on current scientific evidence, best clinical practices, and human rights considerations. In: World Psychiatry. Band 13, Nr. 3, 2016, S. 205–221, doi:10.1002/wps.20354, PMC 5032510 (freier Volltext) – (englisch).
10) K. M. Beier: Sexualmedizin und Andrologie. In: Andrologie. Grundlagen und Klinik der reproduktiven Gesundheit des Mannes (Hrsg. Nieschlag, Behre). Heidelberg 2009, S. 560.
11) Eva Rass: Bindung und Sicherheit im Lebenslauf. Psychodynamische Entwicklungspsychologie. Stuttgart 2011, S. 116 f: „Dies scheint sich mit der Alltagswahrnehmung zu decken, dass Männer und Frauen, die früh eine sichere Geschlechterrolle gefunden haben, sich später nicht mehr ständig ihrer sexuellen Identität durch scheinbar potentes oder püppchenhaftes Gebaren versichern müssen. Sie haben die Freiheit, sich ein vom Rollenklischee abweichendes Verhalten zu erlauben.“
12) Udo Rauchfleisch: Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Göttingen 2016, S. 14.
13) Udo Rauchfleisch: Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Göttingen 2016, S. 16.
14) Udo Rauchfleisch: Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Göttingen 2016, S. 62 f.
15) Udo Rauchfleisch: Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Göttingen 2016, S. 24 f.
16) Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gender, equity and human rights. In: who.int. (englisch).
17) Udo Rauchfleisch: Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Göttingen 2016, S. 25: „Auch hier sehen wir uns trotz verschiedener Hypothesen einem großen Fragezeichen gegenüber, wenn wir zu ergründen versuchen, wie heterosexuelle, bisexuelle und homosexuelle Orientierungen entstehen.“
18) Arthur P. Arnold: Biologische Grundlagen von Geschlechtsunterschieden. In: Gehirn und Geschlecht. Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds zwischen Mann und Frau (Hrsg. Lautenbacher, Güntürkün, Hausmann). Heidelberg 2007, S. 22: „Warum unterscheiden sich Männer und Frauen im Körperbau, in ihrem Verhalten und anderen Merkmalen, wie der Anfälligkeit für Krankheiten? Allgemein gilt, dass sich Geschlechtsunterschiede dann entwickeln, wenn diese Unterschiede für beide Geschlechter einen evolutionären Vorteil bringen.“
19) Anna Maria Aloisi: Geschlecht und Hormone. In: Gehirn und Geschlecht. Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds zwischen Mann und Frau. Heidelberg 2007, S. 4: „Die Zuordnung zu dem einen oder anderen Geschlecht beantwortet nicht immer die Frage, ob ein Individuum ein Mann oder eine Frau ist. Da während der normalen Expression der beiden Chromosomen verschiedene Störungen auftreten können, ergibt sich eine Vielfalt von Möglichkeiten, durch die eine Person ‚weiblicher‘ oder ‚männlicher‘ wird. Wenn eine Person z. B. XY männlich ist, aber keine Androgenrezeptoren besitzt, wird sie einen ‚weiblichen‘ Phänotyp entwickeln. Bei weiblichen Individuen spielt es eine große Rolle, welches der X-Chromosomen aktiv ist, das väterliche oder das mütterliche, denn es ist immer nur ein X-Chromosom aktiv, während das andere deaktiviert wird. […] Zusätzlich zu einem männlichen oder weiblichen Genotyp hat die Entwicklung von männlichen oder weiblichen Fortpflanzungsorgangen zur Folge, dass Hormone produziert werden, die typisch für weibliche oder männliche Lebewesen sind. Obwohl Gene die Geschlechtsdifferenzierung initiieren, spielen die von den Gonaden ausgeschütteten Hormone eine wichtige Rolle für diese Differenzierung.“
20) Louann Brizendine im Gespräch mit Gert Scobel: Das weibliche Gehirn. 3sat, 2016 (PDF: 350 kB, 10 Seiten auf 3sat.de (Memento vom 29. Januar 2016 im Internet Archive)).
21) Bernd Eggen: 3. Teil. Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften (PDF), S. 2 (der PDF).
22) Lynn D. Wardle: Protecting Children by Protecting Domestic and International Adoption. In: Lebendiges Familienrecht. Festschrift für Rainer Frank (Tobias Helms, Jens Martin Zeppernick). Frankfurt und Berlin 2008, S. 324: „Planned lesbigay parenthood offers a veritable ‚social laboratory‘ of family diversity in which scholars could fruitfully examine not only the acquisition of sexual and gender identity, but the relative effects on children of the gender an number of their parents as well as the implications of diverse biosocial routes to parenthood.“ (Stacey and Bibiarz)
23) Oliver Tomein: Transsexualismus im Kontext des Antidiskriminierungsrechts. Eine Frage des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. In: Transsexualität und Intersexualität. Medizinische, ethische, soziale und juristische Aspekte (Hrsg. Groß, Neuschaefer-Rube, Steinmetzer). Berlin 2008, S. 113 f.
24) Kanzlei Hensche: Handbuch Arbeitsrecht: Diskriminierungsverbote – Sexuelle Identität
25) Hans-Werner Spreizer, Tanja Fuß: Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (PDF; 487 KB), S. 16.
26) A. Moré: Zur Geschlechtsspezifik bei (neuro)psychologischen und psychosomatischen Störungen aus der Sicht der pädiatrischen Psychologie. In: Anita Rieder, Brigitte Lohff (Hrsg.): Gender-Medizin. Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis. 2 überarb. und erw. Auflage. Springer, Wien/New York 2008, ISBN 978-3-211-68289-0, S. 90.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Identit%C3%A4t. Abgerufen am 23.10.2021)

Geschlechtsidentität


Die Geschlechtsidentität umfasst geschlechtsbezogene Aspekte der menschlichen Identität. Der Begriff verdichtet im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs verschiedene Aspekte des Erlebens von Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Dabei geht es um die Fragen, welchem Geschlecht eine Person angehört, ob sie sich ihrem biologischen Geschlecht entsprechend oder davon verschieden erlebt und das zum Ausdruck bringen kann, und ob sie die damit verbundene Rolle in sexuellen und sozialen Situationen unmissverständlich und mit Erfolg zu entfalten vermag.

Die Geschlechtsidentität ist Teil des Selbsterlebens eines Menschen und damit Teil seiner Identität, in die auch andere Rollen, mit denen sich eine Person identifiziert, eingehen.[Anm. 1] Damit drückt sie sich „auch im Geschlechtsrollenverhalten aus, also in all dem, was jemand tut oder läßt, um zu zeigen, dass er sich als Mann, als Frau, oder ‚irgendwie dazwischen‘ empfindet.“[1] Die Geschlechtsidentität ist eine „evolutionär sehr junge, spezifisch menschliche, hochkomplexe Eigenschaft“.[2]

Geschlechtsidentität sei, so die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker in einem Vortrag, den sie im Dezember 2018 vor den Gästen der Heinrich-Böll-Stiftung in Frankfurt hielt, „sowohl das Ergebnis komplexen Zusammenwirkens körperlicher, seelischer und sozialer Faktoren, als auch das Ergebnis gewaltiger psychischer Abwehr- und Integrationsleistungen“. Sie sei „ebenso wenig natürlich gegeben, wie ausschließlich das Produkt einer freien Wahl“.[3]

Der Begriff

Laut Becker ist Identität „ein recht spät auftauchender Begriff, der im Zusammenhang mit Unsicherheit über die Identität entstand“ und der Begriff Geschlechtsidentität sei aufgekommen, als die Begriffe Mann und Frau „nicht mehr klare Selbstverständlichkeiten waren“.[4]

„Die Fragen, warum und wie jemand zur Frau/zum Mann wird, was es heißt, eine Frau/ein Mann zu sein, ob, wie und ggf. warum Frauen und Männer anders denken, fühlen und handeln, gehören zu den spannendsten, aber auch umstrittensten Problemen humanwissenschaftlicher Forschung überhaupt.“
– Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität[5]

Es gibt für den Begriff der Geschlechtsidentität keine verbindliche und allgemein oder auch nur in den Bezugswissenschaften anerkannte Definition, auf die man sich geeinigt hätte. Das führt zu Unsicherheiten darüber, welche Bedeutung diesem Begriff innewohnt, wenn er nicht im jeweiligen Kontext erläutert wird. Darüber hinaus werden andere Begriffe, wie beispielsweise Identitätsgeschlecht, Geschlechtsrollenidentität oder sexuelle Identität als Synonyme verwendet,[Anm. 2] in der Regel ohne dass geklärt wird, ob tatsächlich Gleiches oder hinreichend Ähnliches gemeint ist. In dieser Hinsicht unterscheiden Psychologie, Soziologie und Sexualwissenschaft als zentrale Bezugswissenschaften oft nicht. In der medialen Verwendung der Begriffe wird meist noch weniger differenziert. Mitunter wird dann auf Selbstverständliches aufmerksam gemacht: „In der Wissenschaft ist es […] notwendig, sich über die verwendeten Begriffe Klarheit zu verschaffen“.[6]

Der Sexualwissenschaftler Bosinski macht für die begrifflichen Unsicherheiten insbesondere eine mangelnde Unterscheidung von „geschlechtsspezifischen“ und „geschlechtstypischen“ Merkmalen verantwortlich und widmet ihrer Beschreibung in Auswertung zahlreicher Forschungsergebnisse besondere Aufmerksamkeit. Zu den „geschlechtsspezifischen“ Merkmalen rechnet er die „Determinierung des genetischen Geschlechts“, aber auch jene des „Keimdrüsengeschlechts“,[Anm. 3] der „inneren Genitalstrukturen“[Anm. 4] und der „äußeren Genital-Konfiguration“.[Anm. 5][1] Im Unterschied dazu befasst er sich für die „geschlechtstypischen“ Merkmale[7] beispielsweise mit der „Körperhöhe“ – „Durchschnittlich (typischerweise) sind Männer in allen Kulturen ca. 8–10 cm größer als Frauen“[8] –, mit der Intelligenz – wenn auch für einzelne Faktoren, so ließen sich für die „Gesamtintelligenz keine Geschlechtsunterschiede“[9] finden – und mit der Aggressivität – „Männer zeigen durchschnittlich mehr unprovoziertes (!) fremdverletzendes Verhalten als Frauen“.[9][10] Abweichungen von den geschlechtsspezifischen Merkmalen gelten als krankhaft, während Abweichungen in den geschlechtstypischen Unterschieden „nicht krank, sondern die Regel“ seien.[1]

Eberhard Schorsch und andere haben bereits 1985 in Zusammenfassung von Robert Stoller eine Definition zur sexuellen Identität vorgeschlagen.[11] Danach wird empfohlen, sie als einen Oberbegriff zu verstehen, unter dem drei verschiedene Sachverhalte subsumiert sind: die sogenannte Kerngeschlechtlichkeit als elementares Bewusstsein der Geschlechtszugehörigkeit, die Geschlechtsrolle im Sinne sozialer Potenz in dieser Rolle und der Sex im engeren Sinn, aber auch im Sinne eines Vertrauens in Vollwertigkeit und Potenz.

Seitdem hat es zahlreiche Umwidmungen jedes dieser Begriffe gegeben, die jedoch eher zu einer wachsenden Unübersichtlichkeit beigetragen, denn einer Klarifizierung gedient haben. Im Jahr 2006 wurden in der indonesischen Stadt Yogyakarta die sogenannten Yogyakarta-Prinzipien ausgehandelt, die einen Versuch zu einer einigenden Definition darstellen. Sie wurden im Jahr 2008 von der inzwischen gegründeten Hirschfeld-Eddy-Stiftung erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

„Unter ‚geschlechtlicher Identität‘ versteht man das tief empfundene innere und persönliche Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, das mit dem Geschlecht, das der betroffene Mensch bei seiner Geburt hatte, übereinstimmt oder nicht übereinstimmt; dies schließt die Wahrnehmung des eigenen Körpers (darunter auch die freiwillige Veränderung des äußeren körperlichen Erscheinungsbildes oder der Funktionen des Körpers durch medizinische, chirurgische oder andere Eingriffe) sowie andere Ausdrucksformen des Geschlechts, z. B. durch Kleidung, Sprache und Verhaltensweisen, ein.“
– Hirschfeld-Eddy-Stiftung: Die Yogyakarta-Prinzipien[12]

Entwicklung geschlechtlicher Identität

Bosinski ging davon aus, dass „die Entwicklung der Geschlechtsidentität durch ein hochkomplexes, zeitabhängiges biopsychosoziales Bedingungsgefüge determiniert“ werde.[5] Spätestens seit Simone de Beauvoir und ihrem 1949 erschienenen Buch Das andere Geschlecht hat sich eine fortdauernde Kontroverse über die Geschlechtsidentität und die Frage entwickelt, ob sie sich bevorzugt „oder gar ausschließlich“ über biologische Gegebenheiten, Einflüsse der Sozialisation oder die Wirkung psychogenetischer Faktoren konstituiert. Bosinski meint, es habe „den Anschein, als ob nun ein erneutes ‚Umschwingen des Diskurs-Pendels‘“ erfolge.[13] Das sei zwar auch durch wissenschaftliche Befunde induziert, werde maßgeblich aber durch den „Zeitgeist“ beeinflusst. Der könne sich jedoch nicht nur von aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen entfernen, sondern ganz im Widerspruch zu ihnen stehen.

Zu der Frage, wie sich die Geschlechtsidentität in der individuellen Entwicklung herausbildet, hat die psychoanalytische Theorie einiges beigetragen. Nach Jessica Benjamin verläuft die Sexualentwicklung vom Autoerotismus über den Narzissmus zur genitalen Liebe. Sie beschrieb im Detail vier Phasen in der Entwicklung der Geschlechtsidentität.[14]

Während der ersten 1 ½ Lebensjahre „bildet sich die geschlechtliche Identität im Kern“ heraus. Dabei handele es sich um eine „bloß empfundene Überzeugung, männlich oder weiblich zu sein“. Daraus werde später die „Überzeugung, der einen oder der anderen Gruppe zuzugehören“. Das sei, was der Begriff Geschlechtszugehörigkeit bedeute.[15]

In der 2. Hälfte des 2. Lebensjahres beginne mit der frühen Differenzierung die nächste Phase in der Herausbildung geschlechtlicher Identität „auf der Ebene der Identifikationen“.[16] „In Abgrenzung von der geschlechtlichen Kern-Identität“ wurde dieses Phänomen 1983 von Person und Oversy mit dem Begriff der Geschlechtsrollenidentität beschrieben, weil männliche und weibliche Selbstbilder im Zentrum stehen.[17] Das sei eine „psychische Errungenschaft“, die im Konflikt „von Trennung und Individuation erworben wird“. Das Kind beginne, beide Eltern bewusst und auch im Geschlecht zu unterscheiden. Mutter repräsentiere dabei in einem, wie Benjamin es nennt, traditionellen Geschlechterarrangement idealtypisch „Halten, Bindung und Versorgung“, Vater repräsentiere „Außenwelt, Erforschung und Freiheit“. Es gehe im Erleben des Kindes noch nicht um eine Triade, also Vater-Mutter-Kind, sondern noch um Dyade,[18] also Vater-Kind oder Mutter-Kind. Hier entstehe so etwas wie „identifikatorische Liebe“.[19]

Im Alter von 2 bis 3 ½ Jahren sei die Liebesfähigkeit des Kindes noch stark narzisstisch gefärbt. Wenn der Junge in dieser Zeit wie Mutter und das Mädchen wie Vater sein wolle, sei das weder Ausdruck der Ablehnung des eigenen Geschlechtes noch Reaktion auf Konflikte – Freud sprach als einen zentralen Konflikt während der psychosexuellen Entwicklung des Kindes beispielsweise Kastrationsdrohungen an. Stattdessen gehe es um Liebe und Bewunderung für das je andere Geschlecht. Kinder würden nun beginnen, das „Repertoire von Gesten und Verhalten, das die Kultur zum Ausdruck von Männlichkeit und Weiblichkeit bereithält, für sich zu assimilieren“.[19] Noch versuchten die Kinder aber, „beide Optionen in sich selbst zu verwirklichen“. Nur langsam dringe, gegen Ende dieser Entwicklungsphase, der Konflikt „zwischen Wunsch und anatomischer Realität“ ins Bewusstsein. „Diese Phase ist […] von ständigem Protest gegen die immer deutlichere Wahrnehmung der Geschlechterunterschiede gekennzeichnet“.[20] Beide aber würden – noch – alles sein wollen und protestierten gegen die „geschlechtsspezifischen Grenzen“. Sich auf Sigmund Freud beziehend gingen ältere psychoanalytische Konzepte, die inzwischen weitgehend aufgegeben wurden, davon aus, dass Jungen in dieser Entwicklungsphase die Gebärfähigkeit und Mädchen den Penis neiden würden. Als Erste stellte sich Karen Horney 1922 diesen theoretischen Konstrukten Freuds entgegen.[21]

Gegen Ende des vierten Lebensjahres beginne die Phase der „eigentlichen Geschlechterdifferenzierung“.[20] Dabei würden „die komplementären Gegensätze dem Selbst und dem Anderen zugeordnet“. In dieser Phase werde die identifikatorische Liebe zum – „gewöhnlich, aber nicht zwangsläufig“ – andersgeschlechtlichen Elternteil aufgegeben. Dies führe nicht selten zu Rivalität und „verächtliche[r] Ablehnung des anderen Geschlechts“ oder zu Liebe und Sehnsucht nach dem verlorenen Anderen. In dieser Phase könne ein „chauvinistische[s] Beharren auf dem eigenen Geschlecht“ – „jede(r) muss genauso sein wie ich“ – beobachtet werden. Die gleichgeschlechtliche Identifikation werde nun unterstützt durch andere als die Elternfiguren und auch durch Gleichaltrige. Idealtypisch würden nun die eigenen Grenzen anerkannt und im Anderen das geliebt, was verschieden ist. Das bedeute, angekommen zu sein bei „Identifikation und Objektliebe“. Insbesondere die Liebe, die sich auf den Anderen richtet, setze Spannungstoleranz voraus und die müsse sich entwickelt haben, damit dieser Entwicklungsschritt gelingen könne. Je weniger das Kind in „rigiden, komplementären Rollenvorstellungen“ steckenbleibe, umso eher könne sich, wie Benjamin sagt, eine entspannte „Vertrautheit mit Besonderheiten des anderen Geschlechts“ einstellen.[22]

Ist dieser individuelle Entwicklungsprozess abgeschlossen, hätten Kinder zunächst „hochgradig stereotypisierte Urteile darüber, was Jungen können und Mädchen nicht und umgekehrt“, was allerdings „soziokulturellen Schwankungen unterworfen“ sei. In der Folge sei es „eine Entwicklungsaufgabe des Kindes, zu lernen, sich entsprechend der durchschnittlichen Erwartungen an seine Zugehörigkeit zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zu verhalten“.[23] Dabei seien, so Bosinski im Jahr 2000, „in modernen Industriekulturen […] die Grenzen zwischen Mann-Sein und Frau-Sein nicht mehr derart zementiert wie etwa noch vor 30 Jahren“.[24]

Für den „Prozess der Entwicklung einer ‚erziehungskonträren‘ Geschlechtsidentität“ hat Bosinski vorgeschlagen, davon auszugehen, dass sie „von einer Nicht-Identifizierung mit dem durch die Erziehung angetragenen Geschlecht bzw. einem ‚Wohler-fühlen‘ in der Rolle des anderen Geschlechts über eine Ablehnung der körperlichen Aspekte des Erziehungsgeschlechts und der Realisierung einer für diese Rolle ‚unpassenden‘ sexuellen Orientierung bis zu einer Flucht aus dem Erziehungs- in das innerlich als ‚stimmiger‘ empfundene Gegengeschlecht“ verlaufe.[25] An diesem Prozess seien, wie auch an der Entwicklung einer „erziehungskonformen“ Geschlechtsidentität, „biologische, innerpsychische und soziokulturelle Faktoren“ beteiligt, die ihre Wirkung „in der frühen Kindheit“ zu entfalten beginnen „und erst nach der Pubertät zu einem relativen Abschluß“ kämen. Dabei wären „Kultur und Natur“ einerseits und „Anlage und Erziehung“ andererseits keineswegs „einander […] ausschließende, sondern vielmehr notwendig ergänzende und bedingende Mechanismen“. Bewertungen allerdings „hängen nicht von – wie auch immer gearteten – Befunden ab, sondern sind politisch-moralische Entscheidungen“.[26]

Für die Entwicklung der Geschlechtsidentität in anderen, als den westlich geprägten Kulturen gilt es – nicht in jeder Hinsicht, aber in manchen Merkmalen –, gesonderte Aspekte zu berücksichtigen. Die Psychoanalytikerin Mahrokh Charlier beispielsweise hat über die Entwicklung in „patriarchalischislamischen Gesellschaften“ veröffentlicht.[27]

Versuche, sich mit der Entwicklungspsychologie der Geschlechtsidentität zu befassen, stehen vor einer umfangreichen Fachliteratur in den verschiedenen damit befassten wissenschaftlichen Disziplinen: „Die Herausbildung der Geschlechtsidentität, von Geschlechtsrollenverhalten und -vorstellungen sind seit Jahren Gegenstand einer kaum überschaubaren Fülle von Untersuchungen und Publikationen der Sozialpsychologie, der Differentiellen Psychologie, der empirischen Entwicklungspsychologie usw. Pro Jahr erscheinen hierzu ca. 600 neue Arbeiten allein in der psychologischen Literatur.“[28] Zur Orientierung schlägt Bosinski einige „Überblicksarbeiten“ vor.[29]

Binäre Geschlechtsidentität

Die Bezeichnung binäre Geschlechtsidentität hat sich für jene Fälle etabliert, in denen ausschließlich Frauen und Männer als Geschlechtergruppen in den Fokus der Betrachtung gerückt werden. Auch wenn in der öffentlichen Debatte die geschlechtliche Vielfalt inzwischen breiten Raum eingenommen hat (vergleiche die neue Geschlechtsoption „divers“), gehören Menschen, die sich mit einem dieser beiden Geschlechter zweifelsfrei identifiziert haben, nach wie vor und mit seltenen Ausnahmen überall auf der Welt zu den beiden größten Geschlechtergruppen. Nichtbinäre Geschlechtsidentitäten machen in Deutschland etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung aus, auch wenn das zeitgenössische Übergewicht medialer und inzwischen auch wissenschaftlicher Aufmerksamkeit für das so genannte „dritte Geschlecht“ mitunter einen anderen Eindruck vermittelt (vergleiche Intersexualität, Transgender). Dabei ist zu berücksichtigen, dass selten Zahlen angegeben werden und wenn, dann unterscheiden sie sich „je nach definitorischer Begrenzung und untersuchter Population“.[30]

Auch der Eindruck, die sexuelle Orientierung der Menschen hin zu einer Homo- oder Bisexualität habe in einem Umfang zugenommen, der die Heterosexualität zu verdrängen beginne, täuscht. Diesem Eindruck tritt Bosinski entschieden und mit wissenschaftlichen Mitteln entgegen: „Vielmehr stehen ca. 90 bis 95% vorwiegend bis ausschließlich heterosexuell […] orientierten Männern ca. 5 bis 8% mehr oder weniger exklusiv homosexuell orientierte Männer […] gegenüber. Die Zahl der bisexuell orientierten […] liegt stets unter der letztgenannten.“[28] Auch stehe fest, „dass keine Kultur bekannt ist, in der die durchschnittlich größere sexuell-erotische Attraktion von Männern durch Frauen und von Frauen durch Männern aufgehoben oder gar umgekehrt“ sei.[31]

Ethnographische Untersuchungen haben „trotz der teilweise erheblichen interkulturellen Varianz“ eine „Reihe von kulturübergreifenden Universalien“ zu erkennen gegeben, und die „seinerzeit mit großem Enthusiasmus aufgenommenen Berichte von Magaret Mead (1979) über die angeblich totale kulturelle Relativität der Geschlechterrollen gelten inzwischen als widerlegt“.[24]

Bosinski empfiehlt, die Kategorie der binären Geschlechtsidentität nicht aufzugeben, insbesondere mit Blick auf die kindliche Entwicklung: „Die Kategorien ‚Mann und Frau‘, ‚Junge und Mädchen‘ haben Kompassfunktion bei der Aneignung der Welt, ähnlich wie andere kindliche Urteilskategorien (z. B. ‚Gut und Böse‘).“[32]

Als Fürsprecher der Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt empfiehlt der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch mit Blick auf die sexuelle Diversität einen Aspekt nicht aus dem Auge zu verlieren, er nennt ihn den „festen Kern von Sexualität und Geschlechtlichkeit“.

„Fest ist der sexogenerische Kern, weil beispielsweise kein ‚Bio-Mann‘ je erfahren und verstehen wird, was der Einbruch der Menstruation und der Brüste, was die Blutfüllung der Vorhofschwellkörper, die Vergrößerung der Klitoris und die Kontraktionen im Unterleibsinneren, was Schwangerschaft, Geburt und Stillen oder was das natürliche Verlieren der Fruchtbarkeit in einem Alter, das heute keineswegs als hoch angesehen wird – was all das wirklich bedeutet. Diese mit dem Körpergeschlecht unlösbar verbundenen Ereignisse schlagen sich in Körper und Seele nieder, und nicht zuletzt aus diesen Niederschlägen entsteht das, was wir seit einiger Zeit Sexualität und Geschlechtsidentität nennen.“
– Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten[33]

Geschlechtliche Vielfalt

In Deutschland gibt es mindestens in den „großen Städten […] mittlerweile eine schillernde Szene von Angehörigen beider Geschlechter“, die eine Geschlechtsidentität jenseits der binären entwickelt und dafür verschiedene Bezeichnungen vorgesehen haben. Sie definieren sich „jenseits der herkömmlichen Rollenzuschreibungen, ohne dass es sich dabei um krankheitswertige (transsexuelle) Geschlechtsidentitätsstörungen handelt“.[24]

Trotz eindeutiger Zahlenverhältnisse, welche Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifiziert haben, als den Regelfall ausweisen, hat ein Geschlechtserleben „dazwischen“[34] eine so breite mediale und in der Folge wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren, dass irrtümlich der Eindruck eines zahlenmäßigen Übergewichtes entstehen kann. Wie es zu diesem, aus der öffentlichen Debatte nicht mehr weg zu denkenden Bedeutungszuwachs kommen konnte, ist bisher ebenso wenig erforscht, wie die Frage, warum Männer deutlich häufiger als Frauen nicht mit ihrem Geschlecht einverstanden sind.[35]

Im Jahr 2012 nahm sich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) des Themas an.[36] In ihrem Editorial beklagt Anne Seibring die Außenseiterposition, in die Menschen, die anders als alle anderen sind, geraten und macht auf nicht immer allgemein bekannte Folgen aufmerksam: „Lange Zeit ging die Medizin von der heute höchst umstrittenen Annahme aus, eine stabile Geschlechtsidentität könne bei intersexuell Neugeborenen durch operative Geschlechtszuordnung (manchmal auch ohne Wissen der Eltern) und durch Erziehung im zugewiesenen Geschlecht erreicht werden. Viele Betroffene, die – wenn überhaupt – größtenteils erst im Erwachsenenalter davon erfuhren, sind tief traumatisiert. Für sie wie auch für diejenigen, die von Operationen verschont geblieben sind, sowie für Menschen mit Transidentität kommt hinzu, dass sie in einer Gesellschaft leben, deren binäre Geschlechterordnung kaum Platz lässt für ‚anderes‘.“[37]

Für den Themenschwerpunkt der Bundeszentrale sind neun Artikel von Vertretern verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen verfasst worden, die eine Fülle einschlägiger und weiterführender Literatur verarbeiten. Sie geben mit ihren je verschiedenen Schwerpunkten einen Überblick über den zu diesem Zeitpunkt aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Neben einem Aufsatz von Laura Adamietz zur rechtlichen Situation in Deutschland[38] beschäftigte sich Carolin Küppers mit der soziologischen Dimension des Geschlechtes.[39] Eckart Voland widmete sich zusammen mit Johannes Johow den soziobiologischen Aspekten.[40] Hertha Richter-Appelt, eine der Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung und Professorin für Sexualwissenschaft an der Hamburger Universität, befasste sich mit Geschlechtsidentität und -dysphorie.[41] Ulrike Klöppel schrieb über die Medikalisierung uneindeutiger Geschlechter[42] und Michael Wunder fokussierte unter dem Titel Leben zwischen den Geschlechtern auf die Intersexualität.[43] Rainer Herrn betrachtete Transvestitismus und Transsexualität historisch und sprach in seinem Titel die Ver-körperungen des anderen Geschlechts an.[44] Susanne Schröter rundete das Thema mit ihrer ethnologischen Perspektive ebenso ab[45] wie Arn Sauer und Jana Mittag, die einen Blick auf den internationalen Kontext von Geschlechtsidentität und Menschenrechte wagten.[46]

Soziologische Aspekte

Laut Carolin Küppers gibt es einen „common sense der Zweigeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft“, der „wenig Raum für geschlechtliche Existenzweisen jenseits der binären Kategorien“ lasse und „ein erstaunliches Beharrungspotenzial“ habe. Mit ihm gehe eine „soziale Verortung von Männern und Frauen“ einher.[47]

Nachdem die Debatte über den Begriff der Geschlechtsidentität längst um die soziologische Dimension erweitert war, hat sich Küppers im Jahr 2012 einer zusammenfassenden Betrachtung gewidmet. „Die Einteilung in zwei eindeutig voneinander zu unterscheidende Geschlechter […] erscheint als ‚natürliche‘ und selbstverständliche Tatsache, stellt sich aber aus soziologischer Perspektive sehr viel komplexer dar.“[48] Auch unter naturwissenschaftlicher Betrachtung sei es, so Küppers, „mehr als uneindeutig“, was genau die Geschlechterunterschiede markiere. Das Stereotyp der binären Geschlechterverteilung verliere zwar an Bedeutung, sei jedoch „nach wie vor überall präsent“. Dabei stelle sich – in Anlehnung an Paula-Irene Villa – die Frage, „wie ein verhältnismäßig kleiner anatomischer Unterschied so große soziale Folgen haben“ könne:[49]

„Auf die Tendenz, die Differenzierung in zwei Geschlechter auf biologische Unterschiede zu reduzieren, haben angloamerikanische Feministinnen in den 1960er Jahren mit der Abgrenzung von sex und gender reagiert. Der Begriff sex wird in der Regel mit ‚biologisches Geschlecht‘ übersetzt und anatomisch definiert. Der Begriff gender wird meist in der Bedeutung von ‚sozialem Geschlecht‘ verwendet und zielt auf die soziale Konstruktion von geschlechtsspezifischen Rollen und Attributen ab. Die Trennung von sex und gender hat enorme Vorteile gebracht, um gegen einen Alleinerklärungsanspruch der Geschlechterunterscheidung durch biologische Determination argumentieren zu können. Sie enttarnte gender als soziales Konstrukt und deckte auf, dass dichotome Geschlechterzuschreibungen, Geschlechterrollen und Hierarchisierungen historisch entstanden sind und durch gesellschaftliche Strukturierungen, Aushandlungen und Bedeutungszuschreibungen zustande kommen.“
– Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht[50]

Allerdings werde, so Küppers weiter, in der „aktuellen Geschlechtersoziologie“ die Unterscheidung in Sex und Gender „kaum noch verwendet“, weil sie sich „recht schnell als zu undifferenziert und damit als Nachteil“ erwiesen habe. Nach Kerrin Christiansen[51] ist Geschlechtlichkeit eher „als ein Kontinuum denn als zwei klar zu unterscheidende Pole“ zu verstehen.[50] Die Biologin Sigrid Schmitz relativierte in diesem Zusammenhang die gängige Überzeugung von der größeren Objektivität der Naturwissenschaften gegenüber den Sozialwissenschaften: „Die Naturwissenschaft ist nicht objektiver als andere Wissenschaften, nur weil sie ihre Befunde in einem quantitativ-experimentellen Design reproduziert. Denn auch dieses Design ist von bestimmten theoretischen Vorannahmen geleitet, welche die Auswahl der Daten, ihre Einschlüsse und Auslassungen und die Interpretationen der Befunde beeinflussen.“[52]

„Die Geschlechterordnung“ sei eine „wirkmächtige, herrschaftsdurchtränkte soziale Realität“, die „Normalität“ und den „Zwang“ konstruiere, „sich dieser Norm zu unterwerfen“. Das war, seit sich der Mensch seiner eigenen Körperlichkeit bewusst wurde, schon immer und überall so, wenn auch jeweils verschieden. Geschlecht sei „Teil des sozialen Körperwissens und der Normen der Geschlechterdichotomie“, so Küppers. Mit Hilfe der Sprache würden Menschen die Welt und damit auch Geschlechtlichkeit interpretieren, ihr „Blick auf die Welt“ werde aber „durch eine zeithistorische, spezifische Brille begrenzt“. Und weil im Diskurs über Geschlechtlichkeit definiert werde, was als „normal“ zu gelten habe, werde zugleich „das, was als ‚anders‘ gilt, mit konstruiert“.[53]

Nachdem Simone de Beauvoir sich bereits im Jahr 1949 mit der Frage befasst hatte, was eine Frau zur Frau mache, hat in den 1970er Jahren die Frauenforschung damit begonnen, das Konzept der geschlechtsspezifischen Sozialisation unter dem Postulat zu entwickeln, das Private sei politisch. Seitdem ist der „geschlechtertheoretische Diskurs […] eng mit der politischen Perspektive der Frauenbewegung verbunden“ und mit der Frage nach den „gesellschaftlichen Machtverhältnissen […] verknüpft“. Im Rahmen ihrer Sozialisation „lernen Menschen, was es vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund bedeutet, eine Frau oder ein Mann zu sein“ und was in diesen Rollen von ihnen erwartet wird. Mit der Zuordnung zu einem Geschlecht „sind spezifische Wahrnehmungen, Zuschreibungen, Hierarchien und Vorannahmen verbunden“, die Einfluss auf die „soziale Interaktion“ nehmen. „Seit den 1990er Jahren“ wird nach Küppers „die Vorstellung einer eindeutigen und stabilen geschlechtlichen Identität […] hinterfragt“. Carol Hagemann-White habe „eine Abkehr vom Sozialisationsparadigma“ und der Annahme einer „Zweigeschlechtlichkeit“ vorgeschlagen und stattdessen auf „verschiedene kulturelle Konstruktionen von Geschlecht“ verwiesen.[54]

„Geschlecht ist nicht etwas, was wir haben, schon gar nicht etwas, was wir sind. Geschlecht ist etwas, was wir tun.“[55] Küppers beschreibt, wie diese „These […] unter dem Schlagwort des doing gender Eingang in die sozialwissenschaftliche Diskussion gefunden“ habe. Dabei dienten Handlungstheorien dazu, Einblick in jene Vorgänge zu gewähren, mit denen sich Menschen „Normen, Regeln und Strukturen aneignen und handelnd weitergeben“ – in diesen Zusammenhängen auf die Frage bezogen, wie Frauen und Männer ihre Geschlechtlichkeit zum Ausdruck bringen: „Doing gender funktioniert also sowohl über das alltägliche Verhalten als auch über die alltägliche Wahrnehmung.“ Sozialer Interaktion gehe stets eine Zuordnung des Gegenübers zu einem Geschlecht voraus: „Ist die Zuschreibung erfolgt, werden die jeweiligen Einzelheiten der Interaktion eingeordnet und die richtigen Genitalien werden, da sie nicht sichtbar sind, unterstellt.“ Kann jemand keinem Geschlecht zugeordnet werden, „bekommen wir gravierende handlungspraktische Probleme“. Allerdings könnten Geschlechternormen zunehmend hinterfragt werden, was „den Spielraum für nicht normative, geschlechtliche Existenzweisen“ eröffne.[56]

Soziobiologische Aspekte

Auch „groß angelegte Metastudien“ liefern „insgesamt nur wenige Belege für Geschlechtsunterschiede im Verhalten“ von Männern und Frauen.[57] Diesen Befund bringen Eckart Voland und Johannes Johow mit der in ihren Augen bedauerlichen Tatsache in Verbindung, dass sich diese Studien der „sokratischen Empfehlung“ enthielten, „die ‚Natur in ihre gewachsenen Teile‘ zu zerlegen“. Würden jedoch „die ‚gewachsenen Teile‘ identifiziert“, käme man „zu einem anderen Ergebnis“.[58] Dann ließen sich „sehr wohl Unterschiede […] statistisch robust beschreiben“ und der „Schatten unserer evolutionären Vergangenheit gerade auch in einer um Emanzipation bemühten Moderne aus[zu]leuchten“.[57]

Soziobiologie sei eine „Milieutheorie menschlichen Verhaltens […] auf genetischer Basis“.[59] Voland und Johow halten bei ihren soziobiologischen Betrachtungen der Geschlechtsidentität die „Unterteilung in ‚männlich‘ und ‚weiblich‘“ mit Verweis auf die Evolutionsgeschichte für grundsätzlich berechtigt. Sie wollen „eine Unterscheidung der Geschlechter […] versuchen, um trotz aller Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen vielleicht doch einige Unterschiede zu entdecken, die als Resultat biologischer Anpassungsprozesse bedeutsam sind“.[60]

„Um zu zeigen, dass die Unterteilung in ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ – fernab von der teilweise haarsträubenden populär-wissenschaftlichen ‚Aufbereitung‘ wissenschaftlicher Erkenntnisse – tatsächlich ihre Berechtigung hat, lohnt ein kurzer Exkurs in die Naturgeschichte der Sexualität.“
– Voland & Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte[60]

Dabei beziehen sich die Autoren unter anderem auf Lise Eliot, die sich im Jahr 2011 mit den Trouble with Sex Differences (deutsch: Schwierigkeiten mit den Geschlechterunterschieden) befasste.[61] Seit Darwin lasse sich „die menschliche Natur nicht mehr aus der gemeinsamen Geschichte aller Lebewesen ausklammern“. Sie alle und damit auch die Menschen seien auf „bestmögliche Reproduktion“ eingestellt: „Die verhaltenssteuernde Maschinerie unseres Gehirns produziert biologisch nützliche Repräsentationen der Welt und Emotionen, die uns – Risiken meidend, Chancen nutzend – gleichsam einem Navigationssystem vergleichbar durchs Leben führen.“[62]

Fortpflanzung und Sexualität seien „zwei völlig unterschiedliche Prozesse“ – Vermehrung einerseits und „Austausch von genetischer Information“ andererseits –, die ursprünglich voneinander unabhängig abliefen und sich erst später „evolutionär verkoppelt“ hätten. Dies habe bei fast allen Wirbeltieren „Vermehrung durch Sex“ hervor gebracht.[62]

„Während die weibliche Seite eher durch Risikoaversion, höheren Standards bezüglich der Partnerwahl und weniger variablen Entwicklungsverläufen gekennzeichnet ist, kann die männliche Seite eher mit Attributen wie sexueller Opportunismus, sexuelle und soziale Risikobereitschaft, breitere phänotypische Diversifikation auch in mentalen Aspekten des Lebensvollzugs beschrieben werden.“
– Voland & Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte[62]

Es sei „gewöhnungsbedürftig“, so die Autoren, „sich das Genom als ein Schlachtfeld für genetische Konflikte zwischen männlichen und weiblichen Genen […] vorzustellen“, zugleich aber „sehr erhellend“. Damit hatte sich Richard Dawkins in seinem Buch Das egoistische Gen[63] ausführlich befasst. Voland und Johow sind überzeugt, dass ein „evolutionärer Friedensschluss im ewigen ‚Krieg der Geschlechter‘ […] aus soziobiologischer Sicht nicht denkbar“ sei. Stets handele es sich um „sehr brüchige Kompromisse eines profunden Interessenskonflikts, den keine Seite endgültig gewinnen“ könne. So gesehen sei Geschlechterdifferenz „ein fester Bestandteil der menschlichen Natur“. Es sei, als spiele Kultur mit dieser Differenz, „aber entgegen eines weit verbreiteten Missverständnisses konstruieren Kulturen nicht diese Differenz.“[62]

Mutationen oder Beschädigungen einzelner Gene hätten mögliche Abweichungen zur Folge, die sich jedoch „innerhalb der menschlichen Bevölkerung mit zwei Prozent aller Geburten nur relativ selten“ finden. Kinder, die sich nach der Geburt äußerlich nicht einem Geschlecht zuordnen lassen, gelten als intersexuell und machen „unter 0,2 Prozent aller Geburten“ aus, so Leonart Sax in seiner Antwort an Anne Fausto-Sterling.[64][65] Jenseits dieser seltenen Besonderheiten sei die sexuelle Entwicklung weiteren Einflüssen ausgesetzt, zu denen unter anderem der Hormonstatus gehöre. Der werde durch die unterschiedlichsten Faktoren gesteuert. Es lasse sich feststellen, „dass ein äußerst komplexer Entwicklungspfad vom Geschlechtschromosom zur Geschlechtsidentität“ verlaufe. Insofern sei Geschlecht „gar nicht so eine eindeutige Kategorie“, wie oft angenommen werde.[66]

Für die Fähigkeit der beiden Geschlechter, vielfältige „Verhaltensstrategien“ auszubilden, werden in der Regel sowohl genetische Anlagen als auch Umweltfaktoren verantwortlich gemacht. Beide würden sich „nicht unabhängig voneinander betrachten“ lassen. „Bei kaum einem anderen Thema wird die Anlage-Umwelt-Debatte in der breiteren Öffentlichkeit so leidenschaftlich wie ergebnislos geführt wie im Bereich von sex und gender“. Dabei sei „die Debatte im Kern theoretisch weitgehend gelöst“, wie Voland und Johow in Anlehnung an Adolf Heschl feststellen.[67] Dennoch würden „‚Kulturisten‘ und ‚Biologisten‘ unversöhnlich aufeinandertreffen“, weil „nicht gut verstanden“ sei, dass „Anlage und Umwelt nicht additiv“, sondern „synergetisch“ wirksam würden. Dabei brächten die „in den Genen festgeschriebenen Baupläne“ in Abhängigkeit von Umweltbedingungen in Erleben und Verhalten des Menschen Strategien hervor, die ihrerseits auf die Umgebung Einfluss nähmen. „Häufig“ werde allerdings übersehen, „dass in den biologischen Informationsträgern die ‚Reaktionsnorm‘ des Organismus auf je verschiedene Umweltfaktoren festgeschrieben“ sei. Deswegen könne die „Umwelt den sich entwickelnden Organismus auch nicht gleichsam ‚nach eigenen Regeln‘ konstruieren“. In dieser „Angelegenheit“ habe das „letzte Wort“ die „Erbinformation“.[59]

Juristische Aspekte

Nachdem die Bundesregierung den Deutschen Ethikrat beauftragt hatte, sich mit dem Thema Intersexualität zu befassen, kam es am 23. Februar 2012 zu entsprechenden Empfehlungen.[68] Danach sollte „für Menschen mit uneindeutigem Geschlecht die Kategorie ‚anderes‘ im Personenstandsrecht vorgesehen werden.“[69] Im Jahr 2011 hatte das Bundesverfassungsgericht einige „Regelungen des Transsexuellengesetzes für verfassungswidrig erklärt“ und unter anderem eine Änderung des Eintrages im Personenstandsregister „auch ohne körperliche, operative ‚Angleichung‘ zugelassen“.[37] Das Personenstandsgesetz wurde mit Wirkung zum 1. November 2013 geändert. Zwar lässt das Gesetz auch weiterhin keinen Eintrag für Intersexualität zu, doch wenn eine eindeutige Zuordnung zu einem der beiden vorgesehenen Geschlechter nicht möglich ist, kann ein entsprechender Eintrag im Geburtenregister entfallen.

Laura Adamietz wertet für ihren Aufsatz mit dem Titel Geschlechtsidentität im deutschen Recht eine Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus, die zum Teil auch anderen Disziplinen als der Rechtswissenschaft entstammen. Dabei wäre zu berücksichtigen, dass manche ihrer Aussagen aus dem Jahr 2012 durch die Änderung des Personenstandsgesetzes im Jahr 2013 überholt sind. Adamietz sieht in den neuen Entwicklungen zu diesem Thema eine „Herausforderung für das Rechtssystem“.[70] In Deutschland unterliege es „rechtlicher Regulierung“ ebenso, wie in anderen Ländern, „ob und wie Geschlechtsidentität ausgelebt werden darf“. Gleichwohl werde „weder Geschlecht noch Geschlechtsidentität […] vom Recht definiert“.[71] „Rechtsvorschriften“ würden immer seltener „an das Geschlecht“ anknüpfen und wenn, dann allgemein im Zusammenhang mit dem Diskriminierungsverbot und speziell in zwei Fällen:

„Bei der Entscheidung, ob zwei Menschen (wegen der Verschieden- beziehungsweise Gleichgeschlechtlichkeit ihrer Verbindung) heiraten oder sich ‚verpartnern‘ können, und in Artikel 12a GG (Wehrpflicht nur für Männer).“
– Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht[71]

Allerdings halte „das Recht an der Bedeutsamkeit der Frage“ fest, „wer eigentlich welches Geschlecht“ habe, und zwar für die Einträge in Reisepass, Geburtsurkunde und Geburtenregister. Es erkläre aber weder, „was Geschlecht ist, noch, wie die Geschlechtszugehörigkeit festzustellen“ sei. Adamietz empfiehlt, „im deutschen Rechtsdiskurs“ von Geschlechtsidentität „zu sprechen, wenn tatsächlich das individuelle Geschlechtszugehörigkeitsempfinden allein und nicht (auch) die sexuelle Orientierung gemeint“ sei. Das entspreche „auch dem Sprachgebrauch des BVerfG“.[71]

Der „Schutz von Geschlechtsidentität“ werde trotz aller von den Betroffenen erlebten Diskriminierung „nicht im Antidiskriminierungsrecht“ geregelt, „sondern anlässlich der Frage der personenstandsrechtlichen Anerkennung dieser ‚abweichenden‘ Geschlechtsidentität verhandelt“. Dabei wäre nach Adamietz zu bedenken, „dass man an das Geschlecht, das einem bei Geburt zugewiesen wurde, gebunden“ sei. Man könne „dieses ‚rechtliche Geschlecht‘ nicht ohne Weiteres […] ändern“, obwohl sich die „Geschlechtsidentität eines Menschen […] bei dessen Geburt […] nicht erkennen“ lasse, da sie sich erst „im Laufe seines Lebens“ entwickele. Die „beiden Hauptanwendungsfälle eines Rechts auf (ungestörtes Ausleben der) Geschlechtsidentität“ würden „danach unterschieden, ob sie auf einer angeborenen körperlichen Besonderheit beruhen oder nicht“.[72]

Der „Schauplatz der Anerkennungskämpfe von Transidentitäten“ sei das Transsexuellengesetz (TSG) und es sei „wie jedes Gesetz ein Kind seiner Zeit“. Die dort verwendeten Begriffe entsprächen dem „Sprachgebrauch der Entstehungszeit (1980)“ und gäben zu erkennen, „dass dem TSG das damals durchaus zeitgemäße Konzept ‚Transsexualität‘ zugrunde“ gelegen habe. Es habe „auf einer (pathologisierenden) Vorstellung von Transidentität als psychischer Störung“ aufgebaut, die an einige „Schlüsselsymptome geknüpft“ gewesen sei. Inzwischen habe „die Sexualforschung diese Diagnostik revidiert“ und neue Begriffe hätten sich etabliert. Auch sei es „zu Revisionen des TSG durch das BVerfG“ gekommen, das bis 2012 acht mal „mit Fragen von Transidentität“ befasst gewesen sei.

Dennoch bleibe „noch Einiges zu tun“. Adamietz meint, „temporäre Geschlechtswechsel sollten Teil einer möglichen und anerkennungsfähigen Transidentität sein“, aber dafür biete „das TSG mit seiner jetzigen Voraussetzung der Dauerhaftigkeit keinen Raum“. Zwar seien Änderungen „so niederschwellig wie nie“ möglich, aber einfach sei ein „rechtlicher Geschlechtswechsel dennoch nicht“. Den Betroffenen werde noch immer „ein langwieriges und kostspieliges Verfahren“ auferlegt. Auch befürchtet sie, „dass sich die ohnehin schon problematische Gutachterpraxis“ verschärfen könnte, gibt aber zugleich ihrer Hoffnung Ausdruck, „dass das TSG in einer Gesamtüberarbeitung noch von weiteren diskriminierenden, aber bisher noch nicht angegriffenen Regelungen bereinigt“ werde.[73]

In einem gesonderten Abschnitt befasst sich Adamietz ausführlich mit den gesetzlichen Regelungen zum Thema Intersexualität. Auch hierbei gehe es „um die Anerkennung einer normabweichenden Geschlechtszugehörigkeit“. Zwar sei mit der „Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB)“ der Begriff des „Zwitters“ aus dem „deutschen Rechtssystem verschwunden“, doch sei „die Eintragung eines weder männlichen noch weiblichen Geschlechts in Geburtsregister, -urkunde und Pass […] bisher noch nicht erreicht“ worden. Allerdings würden sich aufgrund der „öffentliche[n] Aufmerksamkeit“ inzwischen Bundestag, Landesparlamente und „jüngst der Deutsche Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung“ mit dieser Thematik beschäftigen – noch ohne gesetzgeberische „Initiative“. Deswegen hofft Adamietz, dass das BVerfG auch hier „zum Wegbereiter“ werde. „Nach heutigem Recht“ gelte, „dass das Geschlecht eines Menschen registriert werden“ und im Geburtsregister ein „binär codiertes Geschlecht“ eingetragen werden müsse. Auch bestehe „Regelungsbedarf“, weil immer noch „Kinder mit uneindeutigen Genitalien an diesen operiert“ würden, „bevor sie Einwilligungsfähigkeit erlangt“ hätten. Das Bundesverfassungsgericht habe, so Adamietz, mit seiner „achten Entscheidung zur Transidentität […] die Rechtskategorie ‚Geschlecht‘ auf radikale Weise dekonstruiert und denaturalisiert, indem es ihr die Notwendigkeit einer körperlichen Basis abgesprochen“ habe.[74]

Die rechtspolitische Diskussion befasse sich, so Adamietz zusammenfassend, mit „der straf-, medizin- und sorgerechtlichen Regulierung“ im Rahmen vielfältiger Fallkonstruktionen. Dabei werde „der Ruf nach der Möglichkeit“ eines Geschlechtseintrages laut, „der weder männlich noch weiblich“ definiert wäre. Damit solle „zwischengeschlechtlichen Identifikationen“ eine „rechtliche Anerkennung“ verliehen werden. Für „vielversprechender“ hält Adamietz eine „Utopie, auf die Geschlechtszuweisung und -erfassung ganz zu verzichten“ und fragt: „Wozu braucht das Recht ‚Geschlecht‘?“[75]

Sexualwissenschaftliche Aspekte

„Geschlechtsidentität wird thematisiert, wenn Unsicherheit auftritt“.[34] Auf diese einfache Formel bringt die Psychoanalytikerin und Sexualwissenschaftlerin Hertha Richter-Appelt in ihrem Artikel Geschlechtsidentität und -dysphorie die öffentliche Diskussion zum Thema. Verunsicherung könne entstehen, wenn beispielsweise Unfruchtbarkeit Fragen aufwerfe, Körper und Körpererleben nicht übereinstimmten oder Irritationen auftauchten, weil der Körper nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu identifizieren sei.

Auch Richter-Appelt erwähnt, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine „binäre Vorstellung von Geschlecht […] das Denken“ bestimmt habe. Ziel medizinischen und psychologischen Wirkens sei „eine stabile männliche oder weibliche Geschlechtsidentität“ gewesen. Dabei wurden „Begriffe der psychosexuellen Entwicklung“, wie Binarität oder Geschlechtsidentität weder „definiert“ noch „hinterfragt“ und „uneinheitlich verwendet“.[34]

Da sich an der uneinheitlichen Verwendung der Begriffe nicht viel geändert habe, schlägt Richter-Appelt folgende Definitionen vor:[34]

geschlechtstypisches Verhalten: „bei einem Geschlecht häufig beobachtete Verhaltensweisen“.
geschlechtsspezifisches Verhalten: tritt „jeweils nur bei einem Geschlecht auf“ (z. B. Stillen eines Kindes)
Geschlechtsrolle: „Gesamtheit der kulturell erwarteten, als angemessen betrachteten und zugeschriebenen Fähigkeiten, Interessen, Einstellungen und Verhaltensweisen des jeweiligen Geschlechts“. All dies unterliege „einem Wandel innerhalb der und zwischen den Kulturen“.
Geschlechtsidentität: „das subjektive Gefühl eines Menschen, sich als Mann oder Frau (oder dazwischen) zu erleben“. Ein solches Gefühl finde sich „zu allen Zeiten und in allen Kulturen“.
Geschlechtsrollenidentität: „die öffentliche Manifestation der Geschlechtsidentität einer bestimmten Person in einem bestimmten Rollenverhalten“. Damit werde „alles, was eine Person sagt oder tut“ zusammengefasst, was zeigen soll, ob und wie weit sich jemand welchem Geschlecht „zugehörig erlebt“.
Sexuelle Identität: „das subjektive Erleben einer Person als hetero-, homo-, bi- oder asexuell“.
Sexuelle Präferenz: „beschreibt, wodurch eine Person sexuell erregt wird“.
Sexuelle Orientierung: betrifft „die Partnerwahl“. Meist stimme sie „mit der sexuellen Identität überein.“

Ausführlich befasst sich Richter-Appelt mit der Inter- und der Transsexualität. Unter dem Begriff der Intersexualität „werden eine Reihe unterschiedlicher Phänomene zusammengefasst, bei denen die geschlechtsdeterminierenden und -differenzierenden Merkmale des Körpers (Chromosomen, Gene, Keimdrüsen, Hormone, äußere Geschlechtsorgane und Geschlechtsmerkmale) nicht alle dem gleichen Geschlecht entsprechen.“[34] Darüber hat die Autorin gesondert veröffentlicht.[76] Bei den „verschiedenen Formen der Intersexualität“ stelle die „Vorhersage der Geschlechtsidentität“ ein „besonderes Problem“ dar. Personen mit Intersexualität seien „in ihrem Geschlechtserleben oft nicht eindeutig“ und würden deshalb auch keine Eindeutigkeit zum Ausdruck bringen. Intersexualität wird als „Störung der Geschlechtsentwicklung“ verstanden, was von „den Betroffenen […] kritisiert“ werde. Diese Menschen seien „oft bereits in der frühen Kindheit einem Geschlecht zugewiesen (gender allocation) und körperlich angeglichen (sex assignment)“ worden – in der „Hoffnung, auch die Entwicklung einer ungestörten, dem angepassten Geschlecht entsprechende Geschlechtsidentität zu gewährleisten“.[Anm. 6]

Über die Frage, wann von Transsexualität gesprochen werden kann, herrscht Uneinigkeit. Personen mit Transsexualität würden, so Richter-Appelt „in der Regel den gesunden männlichen oder weiblichen Körper dem subjektiv erlebten Geschlecht mehr oder minder anpassen“ wollen. „Seit die geschlechtsanpassenden Operationen keine notwendige Voraussetzung für eine Personenstandsänderung mehr darstellen, kann ein deutlicher Rückgang beziehungsweise eine verzögertes Anstreben genitalchirurgischer Eingriffe vor allem bei älteren Personen beobachtet werden.“ Der Begriff Transsexualität werde „kritisiert“, weil es nicht um Sexualität, sondern um Identität gehe und so werde häufig von Transidentität oder Transgender gesprochen. „Im internationalen medizinischen Klassifikationssystem“ (ICD) sei „von einer Störung der Geschlechtsidentität“ die Rede. Eine sogenannte Geschlechtsdysphorie (siehe Dysphorie und Geschlechtsidentitätsstörung) hätten Inter- oder Transsexuelle, die unter einer „Irritation des subjektiven Geschlechtserlebens“ leiden,[34] was aber nicht bei allen der Fall sei.

Zur Entwicklung der Geschlechtsidentität als einem Aspekt „des Identitätserlebens“ – also der Frage „Wer bin ich?“ – erinnert Richter-Appelt an zahlreiche Einflussgrößen, die an ihrer Herausbildung beteiligt sind: „Körperlich-biologische Faktoren“ ebenso wie „psychische und soziale Bedingungen“, aber auch „Hormone als Folge von genetischen und epigenetischen Prädispositionen“ neben „Erziehungsmaßnahmen der Eltern und Identifizierungen und Selbstkategorisierungen des Kindes.“ Hinzu kämen „kulturelle Normen und Geschlechtsrollenerwartungen“.[77]

Das medizinische und psychologische Handeln Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in späteren Jahren teilweise harsch kritisiert. Dazu erinnert Richter-Appelt daran, „wie sehr Menschen mit entweder nicht eindeutigem Geschlecht, aber auch diejenigen Menschen, die den Körper als nicht ihrem Geschlecht entsprechend empfanden, darunter gelitten haben.“ Ärzte und Psychologen „verfolgten das Ziel, dieses Leid zu lindern.“ Den Konzepten dieser Zeit lag „ein binäres Verständnis von Geschlecht zugrunde“, dem „Therapeuten, Endokrinologen und Chirurgen“ ebenso wie Psychoanalytiker unterlagen. „Erfahrungen der vergangenen Jahre“, so stellt Richter-Appelt fest, „haben uns eines Besseren belehrt“. In der Psychoanalyse des 21. Jahrhunderts gehe es „um eine multifaktorielle Determinierung des Identitätserlebens, das sehr viel vielfältiger ausfallen kann als ausschließlich männlich oder weiblich.“[78]

Für die Entwicklung der Geschlechtsidentität gehe man inzwischen davon aus, „dass sie in vielen Fällen weitgehend konfliktfrei erlebt wird“. In anderen Fällen könne es „zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Entwicklung […] zu einem Hinterfragen, zu einer Dysphorie kommen“. Irritationen könnten „sowohl durch biologische Faktoren, die bisher nur wenig bekannt sind, etwa genetische, hormonelle Prozesse, durch Erfahrungen im Umgang mit dem Körper, durch Selbst- und Fremdkategorisierungen und entwicklungsbedingte Konflikte, vor allem aber durch Beziehungserfahrungen beeinflusst werden.“[78]

„Ein zentrales Thema in der psychoanalytischen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Geschlechtsidentität ist die Frage der Beziehungsgestaltung. Bereits in der Kindheit wird die Grundlage gelegt, welche Beziehungen im Laufe des Lebens gelebt werden können. Sowohl die Psychoanalyse wie auch die Bindungstheorie nehmen an, dass frühe Beziehungserfahrungen wichtig sind für das Geschlechtsidentitätserleben. Supportives, responsives Verhalten und präsente Bezugspersonen in der Kindheit sind Grundlage für ein selbstsicheres Identitätserleben.“
– Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie[79]

Das Kind nimmt in seinen ersten Lebensjahren, die eigene „Körperlichkeit“ gleichsam in Besitz; es komme, wie Richter-Appelt es nennt, zu dem „Entwurf einer Topografie lustvoller Erfahrungen“. Unter Abweichungen würden in der Regel zunächst nicht die Kinder leiden, sondern ihre Eltern. Treten Abweichungen auf, seien die Kinder Einflüssen ausgesetzt, die Angst erzeugen können, nicht angenommen oder „nicht begehrt“ zu werden. Dadurch könne es „zu einer Verunsicherung in der Identitätsentwicklung“ kommen.[79] Das „Erleben der Andersartigkeit“ könne „schon früh zu einer Vereinsamung führen“. Andererseits habe sich gezeigt, „dass ein toleranter Umgang mit nicht geschlechtsspezifischen Interessen und Verhaltensweisen zu einer stabileren Entwicklung des Selbst führen kann und dann die so oft befürchtete Stigmatisierung als weniger traumatisierend erlebt“ werde. „Ein bewusster und offener Umgang mit der spezifischen Situation und die Akzeptanz des Kindes in seiner Besonderheit könnten die Grundlage für eine möglichst ungestörte Entwicklung darstellen.“[80]

Medizinhistorische Aspekte

„Obwohl sich Organisationen intergeschlechtlicher Menschen dagegen seit Langem wehren, gilt ein – gemessen an der Norm des männlichen und weiblichen Geschlechts – ‚uneindeutiges‘ Geschlecht noch immer als krankhaft und behandlungsbedürftig. Medizinische Autorität, Glaube an die medizinisch-technische Machbarkeit, gesellschaftlicher Anpassungsdruck und die Haltung der Politik bilden ein Konglomerat, das ein Umdenken verhindert – auf Kosten der körperlichen Unversehrtheit und des Selbstbestimmungsrechts intergeschlechtlicher Menschen.“
– Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts[81]

Mit diesen Worten leitet Klöppel „für den deutschsprachigen Raum“ ihre medizinhistorischen Betrachtungen zu der Frage ein, wie sich „die medizinische Definitionsmacht über Intersexualität historisch durchsetzen“ konnte. „Zentral dafür war […] die Konstruktion der ‚Geschlechtsidentität‘ als psychischer Entität Mitte des 20. Jahrhunderts.“[81]
Albert Moll, Handbuch der Sexualwissenschaften, F. C. Vogel, Leipzig 1921, S. 491

Bereits im 16. Jahrhundert habe es die ersten „Versuche der Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts“ gegeben. Klöppel versteht darunter den „selbstproklamierte[n] Anspruch der Ärzte“, nur sie seien befähigt, in zweifelhaften Fällen eine „Geschlechtszuweisung […] vorzunehmen“. Die Zweifelsfälle wären seinerzeit Hermaphroditen genannt worden. Ihre Zuweisung zu einem der beiden eindeutigen Geschlechter sei „eine Frage wissenschaftlicher Wahrheit […], dessen Lösung genaue anatomische Kenntnisse erfordere und folglich in die alleinige Zuständigkeit akademisch geschulter Heilkundiger gehöre“. Dieser Anspruch der Ärzte sei jedoch „bis ins 19. Jahrhundert hinein“ ohne „praktische Konsequenzen“[82] geblieben und sei möglicherweise der „im deutschsprachigen Raum uneinheitliche[n] Rechtslage“ geschuldet.

„Der Bayerische Codex Maximilianeus Civilis von 1756 schrieb vor: ‚Hermaphroditen werden dem Geschlecht beygezehlt, welches nach Rath und Meinung deren Verständigen vordringt; falls sich aber die Gleichheit hierin bezeigt, sollen sie selbst eines erwählen, und von dem Erwählten sub Poena Falsi (unter Drohung der Strafe für Meineid, U. K.) nicht abweichen.‘“
– Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts[82]

Daneben sah auch „Paragraf 20 des Allgemeinen Landrechts für die Preußischen Staaten von 1794“ ein „Wahlrecht für erwachsene Hermaphroditen“ vor – ebenfalls ohne Pflicht, einen Sachverständigen zu befragen. „Nur in rechtlichen Streitfällen war ein Sachverständigenurteil erforderlich“. Über den Beruf der Sachverständigen hätten beide Gesetze jedoch nichts ausgesagt, so dass auch Hebammen „von Gerichten herangezogen werden“ konnten. Diese allerdings seien nach den sogenannten Hebammenordnungen verpflichtet gewesen, „im Falle von ‚Missgeburten‘, zu denen auch Hermaphroditen zählten, einen Arzt hinzuzuziehen“, was in der Praxis aber kaum geschehen sei. So bringt Klöppel den Anspruch der Ärzte, „nur sie seien fähig und befugt, die Geschlechtszuweisung von Hermaphroditen vorzunehmen“ mit dem Versuch in Verbindung, „auf diese Weise ein weiteres Zuständigkeitsfeld gegenüber der Konkurrenz der Hebammen, Barbiere und der nicht akademisch ausgebildeten Chirurgen hinzuzugewinnen“.[82]

Nach der Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 habe sich die „rechtliche Situation von Hermaphroditen […] komplett“ geändert. Das Personenstandsgesetz wurde eingeführt und ihr „Geschlechtswahlrecht“ entfiel. Die Gesetze sahen eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht vor, obwohl „führende Wissenschaftler davon aus[gingen], dass es ein Kontinuum der Geschlechter gebe, in welchem die verschiedenen Varianten des Hermaphroditismus die Zwischenstufen verkörperten“. Zu den Vertretern dieser Position gehörte Rudolf Virchow. Er habe, gemeinsam mit anderen gefordert, „dass der Gesetzgeber eine Lösung für die standesamtliche Registrierung solcher Menschen schaffen müsse“ und das Geschlechtswahlrecht wieder eingeführt werde. Vorstöße einiger Juristen, „die Rechtslage zu ändern, konnten sich nicht durchsetzen“. Das Recht forderte „eine eindeutige Zuweisung, überließ aber der Medizin, die Beurteilungskriterien dafür festzulegen“. So hätten die Ärzte „tatsächlich die Rolle, die sie seit dem 16. Jahrhundert gefordert hatten“ erhalten. Dazu habe auch der Rückgang der Hausgeburten beigetragen. Sie waren um das Jahr 1900 „vorherrschend“ gewesen. „Klinikentbindungen“ stiegen in den folgenden 30 Jahren auf „ungefähr 50 Prozent“ und betrugen 1970 „fast 100 Prozent“.[83]

„Für die tatsächliche Durchsetzung der medizinischen Expertenstellung war […] die Entwicklung ab Mitte des 20. Jahrhunderts entscheidend.“ Intersexualität sei der „nun gängige Terminus“ gewesen. Von der Ärzteschaft in Deutschland sei beklagt worden, „dass es keine wissenschaftlichen Kriterien für die Geschlechtszuweisung von Intersexuellen“ gebe, weshalb die Mehrzahl vorgeschlagen habe, „ärztliche Eingriffe am ‚subjektiven‘ Geschlecht zu orientieren“ und „genitalplastische“ Operationen im Kindesalter zu versagen, auch „wenn die Eltern dies wünschten“. Technisch war es inzwischen „kein Problem mehr […], ‚uneindeutige‘ Genitalien chirurgisch und hormonell an die männliche respektive weibliche Norm anzugleichen“. Geschah dies auf Wunsch der Eltern „in einzelne[n] Fällen“ doch, habe sich „scharfe Kritik“ in der Ärzteschaft geregt, obwohl „Genitalplastiken im Kindesalter“ aus anderen Gründen als der Intersexualität „keineswegs grundsätzlich tabu“ gewesen seien. Es war empfohlen, „bei intersexuellen Kindern mit chirurgischen Eingriffen bis mindestens in die Pubertät abzuwarten“ – „bis die seelische Einstellung erkennbar“ wäre.[84]

Anders habe es in Übersee ausgesehen, wo „am Baltimorer Johns Hopkins Hospital in den USA Genitaloperationen an intersexuellen Kindern bereits systematisch durchgeführt“ worden seien. Die operierten Kinder wären von einer „Forschungsgruppe um den Psychologen John Money“ untersucht worden.

„Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich im Babyalter operierte und eindeutig als Mädchen oder Jungen erzogene Personen mit ihrer Geschlechtsrolle identifizierten, ein angepasstes Verhalten und heterosexuelle Orientierung zeigten, und zwar selbst dann, wenn die Zuweisung nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmte. Daraus leitete die Forschungsgruppe die Theorie ab, dass die Psychosexualität durch die Geschlechtszuweisung, die Erziehung und das Körperbild geprägt würden. Eine Einflussnahme sei aber nur in der kritischen Phase der ersten beiden Lebensjahre möglich, danach identifiziere sich das Kind irreversibel als männlich oder weiblich.“
– Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts[84]

Die Überzeugungen der Mediziner in Deutschland, die „psychosexuelle Entwicklung“ dieser Kinder sei „nicht vorhersagbar“, sind laut Klöppel mit diesen Forschungsergebnissen „theoretisch und praktisch infrage gestellt“ worden. Den neuen Erkenntnissen hätten sie sich „nicht auf Dauer widersetzen“ können. Money habe ein theoretisches Modell entwickelt, nachdem die „frühkindliche soziale Prägung“ mit der „pränatale[n] Hormonkonstellation“ interagiere, was „schließlich auch die verbliebenen deutschen Kritiker“ überzeugt habe. In den 1990er Jahren hätten sich dann „Proteste von Organisationen intergeschlechtlicher Menschen“ Gehör verschafft und „eine gewisse Sensibilisierung der Medizin für die Probleme von Genitaloperationen im Kindesalter bewirkt“. Ein „Ende dieser Praxis“ sei aber „noch nicht in Sicht“.[84]

Klöppel schlussfolgert, dass aus dieser Entwicklung, die nicht nur systematische „Genitaloperationen an intersexuellen Kindern“ hervorgebracht habe, sondern auch eine medizinisch-psychologische „Forschung, die darauf zielte, die Einflussfaktoren der psychosexuellen Entwicklung zu isolieren und zu kontrollieren“, sich „im Verlauf des 20. Jahrhunderts“ als „neue psychische Entität“ die Geschlechtsidentität herausgebildet habe. Sie sei „das Resultat eines Konstruktionsprozesses, der um die Jahrhundertwende mit der Herauslösung des psychosexuellen Empfindens aus der Einheit des biologischen Geschlechts“ begonnen habe. Seitdem gelte eine „eindeutige und stabile affektive Bindung an den männlichen respektive weiblichen Geschlechtsstatus“ als „Grundbedingung psychischer Gesundheit und sozialer Integration“. Damit werde ein „normatives Skript den Körpern und der Psyche intergeschlechtlicher Menschen autoritär“ eingeschrieben.[85]

Ethische Aspekte

Michael Wunder hat sich ausführlich mit der „Stellungnahme zum Thema Intersexualität“[86] des Deutschen Ethikrates befasst, der „ein intensiver Dialog mit Betroffenen, Selbsthilfegruppen und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen“ einerseits und einige wissenschaftliche Studien andererseits vorausgegangen sei. Geleitet war Wunder durch sein Anliegen, „das Thema aus der Tabuzone heraus zu holen“ und es „in den Bereich der Normalität zu bringen“.[87]

Die erste Interessenvertretung für Intersexuelle sei 1990 unter dem Namen Intersex Society of North America gegründet worden.[Anm. 7] Mit einiger zeitlicher Verzögerung seien im „deutschsprachigen Raum“ Selbsthilfegruppen entstanden, im Jahr 2004 der Verein Intersexuelle Menschen und 2010 der Verein Zwischengeschlecht.[Anm. 8] Ihnen seien zahlreiche weitere mit je verschiedenen Schwerpunkten gefolgt, aber einig in ihrer Kritik „an der Einordnung der Intersexualität als Krankheit“.[88]

Der Verein Intersexuelle Menschen[89] habe sich 2008 an den zuständigen Ausschuss der Vereinten Nationen gewandt, über Verstöße gegen die Anti-Diskriminierungskonvention berichtet und Vorschläge zur „Vermeidung und Behebung von Konventionsverstößen“ unterbreitet. Daraufhin habe der UN-Ausschuss die Bundesregierung aufgefordert, das internationale Abkommen „zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung“ zu überwachen und seine Einhaltung zu gewährleisten. In der Folge habe die Bundesregierung im Jahr 2010 den Deutschen Ethikrat damit beauftragt, sich mit diesem Thema in Abgrenzung zu „Fragen der Transsexualität“ zu befassen,[88] nachdem sich die Interessenvertretungen der Betroffenen bereits zuvor an ihn gewandt hätten, weil sie unter einem „invalidierenden Umfeld“ und einer „zu schnell handelnden und bedrohlich erlebten Medizin“, aber auch unter „gesellschaftlicher Ignoranz und fehlender Unterstützung“ litten.[87]

„Der Doppelauftrag der Regierung, einen Dialog zu führen und eine Stellungnahme zu erarbeiten, hat sich als überaus produktiv und angemessen erwiesen. Der Dialog wurde mit einer umfangreichen Befragung der Betroffenen, an der sich rund 200 Personen beteiligt haben, eingeleitet und mit einer großen öffentlichen Anhörung im Juni 2011 sowie einem moderierten Online-Diskurs weitergeführt. Hieraus haben sich unzählige Anregungen und Informationen, aber auch Kontroversen ergeben, die ebenso wie die Ergebnisse einer systematisierten Befragung von über 40 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen der Medizin, des Rechts, der Psychologie, der Ethik und der Philosophie in die öffentliche Stellungnahme eingingen.“
– Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern[88]

Weil der Begriff Intersexualität „weder eindeutig noch unstrittig“ sei und einige Gruppen ihn für sich als diskriminierend ablehnen, habe „der Bericht des Deutschen Ethikrates auf den medizinischen Begriff DSD“ zurückgegriffen, der „nach dem Vorschlag auch deutscher Ethiker und Mediziner als differences of sexual development übersetzt und verstanden werden solle“.[90]

Die „pathologische Sichtweise auf Intersexualität“, die sich in den 1950er Jahren durch die Ergebnisse der Forschungsgruppe um den „amerikanischen Psychologen John Money“ etabliert habe, sei erst im Jahr 2005 „innerhalb der Medizin revidiert“ worden – auf der Chicago Consensus Conference. Hier habe der „Wandel im Verständnis von Intersexualität“ mit der Forderung nach ethischen „Grundsätze[n] und Empfehlungen bei DSD“ seinen Anfang genommen. Fortan sollten „chirurgische und hormonelle Eingriffe an Kindern mit uneindeutigem Geschlecht […] nur noch unter bestimmten Bedingungen“ und einer „zwingenden medizinischen Indikation“[91] erfolgen. Wann eine solche zu stellen wäre, sei jedoch strittig geblieben. „Wissenschaftliche Langzeitstudien zu den Folgen medizinischer Eingriffe bei Intersexualität fehlen weitgehend“.[92]

Zwei „empirische Studien zur Lebensqualität“ von Intersexuellen hätten dem Ethikrat vorgelegen[93] – die sogenannte Netzwerkstudie[Anm. 9] und die Hamburger Intersex-Studie[94] –, eine dritte Erhebung führte er selbst durch.[95] „Keine der drei Studien kann für sich den Anspruch der Repräsentativität erheben“, dennoch könnten, „auch mangels anderer Quellen, die Angaben dieser drei Studien wichtige Anhaltspunkte geben“. Etwa 70 bis 80 % „der in diesen drei Studien erfassten DSD-Betroffenen“ seien „chirurgischen Eingriffen unterzogen“ worden, die meisten davon „in einem nicht zustimmungsfähigen Alter“. Die Ergebnisse zur „subjektiv geäußerten Lebensqualität“ seien uneinheitlich, je nachdem, welche Untergruppe in welcher Studie betrachtet werde. Schlüsse hätten aus den Befunden nur mit „aller gebotenen Vorsicht“ gezogen werden können, dabei je andere für die verschiedenen Untergruppen.[96]

Die „Forderungen zur Verbesserung der Situation“ durch die Betroffenen weisen eine große Vielfalt auf. Sie reichen von „mehr Aufklärung in der Gesellschaft“ über die Einrichtung von „außerklinische[n] Kontakt- und Beratungszentren“ bis zu „finanzielle[n] und strukturelle[n] Hilfen für Selbsthilfegruppen zur Errichtung eines bundesweiten Hilfenetzwerks“. Aus der Wissenschaft würden „interdisziplinäre Kompetenzzentren zur fachlich bestmöglichen Behandlung der Betroffenen mit mehr Zeit, weniger Entscheidungsdruck und größerer Beachtung der jeweils individuellen Umstände“ gefordert. Wo nötig, würden Forderungen für Maßnahmen zur Behebung „mangelhafte[r] Integration und Teilhabe an der Gesellschaft“ erhoben.[97]

„Der Deutsche Ethikrat hat vor dem Hintergrund dieser Befunde eine differenzierte Betrachtung der verschiedenen Untergruppen von DSD vorgenommen und unterscheidet zwischen geschlechtsvereindeutigenden und geschlechtszuordnenden Eingriffen.“[98] Geschlechtszuordnende Operationen „bewertet der Ethikrat als einen Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität, über die grundsätzlich nur die Betroffenen selbst“ entscheiden könnten. Insofern solle mit derlei Eingriffen bis zum Erreichen des „entscheidungsfähige[n] Alter[s]“ gewartet werden – sofern nicht „eine schwerwiegende Gefahr für die physische Gesundheit des Kindes“ dem entgegenstehe. Für die „vereindeutigenden Eingriffe“, die der Ethikrat für „weniger gravierend“ hält, schlägt er eine „umfassende Abwägung der medizinischen, psychologischen und psychosozialen Vor- und Nachteile im Sinne des Kindeswohls“ vor und „im Zweifel“, die „Entscheidungsfähigkeit der Betroffenen“ abzuwarten. Der Ethikrat empfiehlt, „die medizinische Diagnostik und Behandlung von DSD-Betroffenen nur in einem speziell dafür qualifizierten, interdisziplinär zusammengesetzten Kompetenzzentrum von Ärzten, Psychologen, Sozialberatern und anderen Experten vorzunehmen“. Für die Geschlechtszuordnung wird vorgeschlagen, „neben den Alternativen ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ nach australischem Vorbild auch die Kategorie ‚anderes‘ einzuführen und für das Personenstandsregister die Möglichkeit eines späteren Eintrages vorzusehen“.[98]

Zusammenfassend schlägt Wunder vor, als Ziel anzustreben, dass „Menschen mit DSD“ mit ihrer „Besonderheit und als Teil gesellschaftlicher Vielfalt Respekt und Unterstützung der Gesellschaft erfahren“.[99]

Historische Aspekte

Chevalier d’Éon[100]

Rainer Herrn,[101] wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Charité und seit 1991 Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, befasste sich – Transvestitismus und Transsexualität im Fokus – mit der Geschichte des Wunsches nach Verwirklichung eines anderen als des biologischen Geschlechts und ließ dabei prominente Sexualwissenschaftler aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu Wort kommen.[102]

„Cross-Dressing – der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts – und, oft damit verbunden, der Wechsel des sozialen Geschlechts sind in der europäischen Kulturgeschichte seit Langem bekannt“, weniger allerdings über „die Motive und den sozialen Alltag solcher historischer Personen“. Lange habe es für sie keinen „bezeichnenden Begriff“ gegeben. Sie galten in Deutschland „bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochstapler und Schwindler, einige wurden gar der Spionage verdächtigt“.[102]

Als Cross-Dressing während des „späten 19. Jahrhunderts in den medizinischen Blick“ geriet, sei „auf tradierte Konzepte der Mischgeschlechtlichkeit zurückgegriffen“ worden, zu denen insbesondere der „Hermaphroditismus“ gezählt habe. Cross-Dressing sei mit dem „gleichgeschlechtliche[n] sexuelle[n] Begehren der Männer“ in Verbindung gebracht worden, „für das sich im 20. Jahrhundert der Begriff ‚Homosexualität‘ durchsetzte“. Karl Heinrich Ulrichs – soweit bekannt, der erste bekennende Homosexuelle – habe seine seit 1864 erschienenen „emanzipatorischen Streitschriften“ gegen die „nach preußischem Recht“ geltende „Strafbarkeit sexueller Handlungen zwischen Männern“ verfasst. Seine Schriften „regten um 1870 zunächst den Berliner Ordinarius und Charité-Psychiater Carl Westphal und zehn Jahre später dessen Grazer Kollegen Richard von Krafft-Ebing zur Begründung der modernen Sexualpathologie an“. Er „stellte die These von der weiblichen Seele im männlichen Körper auf“.[103]

„In der sexualpathologischen Denkrichtung des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts fand eine Koppelung von Cross-Dressing mit gleichgeschlechtlichem Begehren zu einem Gesamtphänomen statt, eben jener ‚conträren Sexualempfindung‘. Diese neue Diagnose umgreift als Sammelbezeichnung ausnahmslos alle von den Geschlechternormen abweichenden Gefühls- und Verhaltensweisen.“
– Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts[103]

Ulrichs selbst „lehnte in seinem emanzipatorisch angelegten Konzept […] jede Krankheitszuschreibung ab“. Eine „sexualpathologische Ausdeutung“ sei erst mit der „Rezeption seiner Schriften“ erfolgt.[103]

Mit der Jahrhundertwende sei es zu einer „zunehmenden Verwissenschaftlichung, Popularisierung und Politisierung der Homosexualität“ gekommen. Im Jahr 1897 ist das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee etabliert worden und damit „wurde der Homosexuelle in der Öffentlichkeit ein geläufiger Sozialcharakter“. Mitbegründer dieser Vereinigung war Magnus Hirschfeld, dessen „Forschungen über sexuelle Zwischenstufen“ den Begriff der Zwischenstufentheorie hervorbrachte, der sich seit dem Jahr 1903 durchgesetzt habe. Er gab das Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen heraus, dessen Ziel es gewesen sei, „über die ganze Fülle mischgeschlechtlicher Formen zu berichten“.[104]

Nicht immer seien Cross-Dresser damit einverstanden gewesen, wenn sie als homosexuell bezeichnet wurden. Sie hätten das Gespräch mit Hirschfeld gesucht, der daraufhin seinen „Entwurf des Transvestitismus“ entwickelt habe, mit dem sie von der Gruppe der Homosexuellen unterschieden wurden. Auch die Homosexuellen suchten Abstand zu den Cross-Dressern und hätten mit ihnen nicht in einer Gruppe zusammengefasst werden wollen. „Das Ziel der Homosexuellenbewegung [war] die Abschaffung des Paragrafen 175 Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB).“ Aber auch Personen, „die polizeilich als Transvestiten erkannt wurden, [waren] wegen der ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ und somit ‚Störung der öffentlichen Ordnung‘ mit empfindlichen Strafen bedroht“.[104]

In Berlin habe sich „eine vielfältige Transvestitenkultur mit eigenen Lokalen, Treffpunkten, Organisationen und Zeitschriften entfaltet“ und Hirschfeld habe „gemeinsam mit seinem Kollegen Iwan Bloch um 1910 mit der Polizeibehörde eine Übereinkunft“ ausgehandelt, „nach der von einer Festnahme abgesehen wurde“, sofern ein sogenannter und „ärztlich beglaubigter“ Transvestitenschein vorgelegt werden konnte. Seit dem Jahr 1921 sei es dann „in einem gutachterlichen Verfahren“ möglich gewesen, „eindeutig auf das Geschlecht verweisende Vornamen durch einen neutralen […] zu ersetzen“, was jedoch einige Abhängigkeit vom „Wohlwollen der Gutachter“, aber auch „vom Verständnis der Polizei und Justiz“ mit sich gebracht habe.[104]

Zur Zeit des Wirkens von Hirschfeld habe es zwar unter den Transvestiten einige gegeben, „die nicht nur die Kleidung des anderen Geschlechts bevorzugten, sondern sich diesem ganz zugehörig fühlten“. Dennoch fänden sich keine Mitteilungen über Wünsche nach geschlechtsanpassenden Operationen, zumal die „geeigneten Techniken“ noch gar nicht entwickelt waren.[105] Bald aber, noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sei es zu einer „Bedeutungsaufladung des Geschlechtskörpers“, wie Herrn es nennt, gekommen und diese habe nicht nur eine „Neudefinition und Aufwertung“ des Körperlichen mit sich gebracht, sondern auch Einfluss auf die „Konstruktion des Selbst“ genommen.

Im Zuge dieser Entwicklungen sei bei jenen, „die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten“ der zunehmend drängende Wunsch nach einer auch „physischen Umgestaltung“ des eigenen Körpers entstanden. Tiefes Leid hätte „Einzelne“ dazu veranlasst, „irreversible Umgestaltungen durch invasive Eingriffe – wie sie Kastration und Amputation darstellen – durchzusetzen oder an sich selbst vorzunehmen“. Die „dazu nötigen Techniken wurden in der um 1900 aufkommenden kosmetischen Medizin entwickelt“. Noch allerdings sei es nicht um Anpassung an das erwünschte Geschlecht gegangen, sondern darum, „die Zeichen des Herkunftsgeschlechts zu tilgen“. Zunehmend seien Personen, die Cross-Dressing betrieben, von jenen unterschieden worden, die sich gänzlich „dem anderen Geschlecht zugehörig“ fühlten. Wissenschaftlicher Protagonist dieser Differenzierung sei der englische Sexualwissenschaftler Havelock Ellis gewesen.[106]

Erste „Versuche operativer Geschlechtsumwandlung“ sollen mit dem Berliner Chirurgen Richard Mühsam begonnen haben, der 1912 einen „von ihm so bezeichneten weiblichen Transvestiten“ operiert habe und dabei „Brüste und Gebärmutter“ entfernte. Obwohl die „Eingriffe aus heutiger Sicht als erste ärztlich ausgeführte Geschlechtsumwandlung von Frau-zu-Mann gelten dürfen, wurden sie damals nicht als solche betrachtet“. Genaugenommen handelte es sich auch nach heutigem Verständnis dabei noch nicht um eine Geschlechtsumwandlung, da dafür Weiteres vorausgesetzt wird. Sieben Jahre später eröffnete Hirschfeld „1919 sein Institut für Sexualwissenschaft“ und „allein im ersten Jahr“ hätten „zwölf Männer um eine Kastration“ gebeten. Bis auf zwei hätten alle anderen von ihrem Wunsch abgebracht werden können.[107]

„Die erste komplett dokumentierte Mann-zu-Frau-Geschlechtsumwandlung erfolgte 1920/1921 bei einem Patienten des Hirschfeld-Instituts“ – durchgeführt an einem „Medizinstudenten, der mit der Pistole in der Hand mit Suizid drohte“. Für Herrn entsprang diese Operation „der individuellen Notlage eines Patienten und medizinischen Omnipotenzphantasien“ der Ärzte. Im Jahr 1931 habe Felix Abraham „in einer ersten medizinischen Veröffentlichung“ über „die Routine der Operationen“ berichtet, die mit „Unterstützung des Instituts für Sexualwissenschaft erfolgten“. Neben Abraham gehörte seit 1925 auch Ludwig Levy-Lenz zu den Mitarbeitern des Instituts. Die „bekannteste dieser frühen Geschlechtsumwandlungen“ sei „die des dänischen Malers Einar Wegener“ gewesen.[107]

Nach der „Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933“ sind die „Wünsche nach Geschlechtsumwandlung“ angeblich verschwunden, so dass „Karl Bonhoeffer 1941 berichtete“, sie seien ihm im Gegensatz zur Weimarer Zeit nicht mehr begegnet. Über das „Schicksal der vor 1933 Operierten liegen keine systematischen Forschungen vor“.[107]

„Erst in den 1950er Jahren setzte in den USA erneut eine medizinische Diskussion über die Geschlechtsumwandlung ein, allerdings nicht mit direkten Bezug auf die deutsche Vorläuferschaft, ohne die sie freilich nicht zu denken ist.“
– Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts[107]

Bis in die 1960er Jahre habe es gedauert, bis „in beiden deutschen Staaten von ‚Transsexualismus‘, später von ‚Transsexualität‘ gesprochen“ wurde, nachdem „Benjamins Arbeiten“[108] rezipiert worden seien.[107] Denn Harry Benjamin hatte den Begriff transsexuality eingeführt.

Ethnologische Aspekte

„Was einen Mann oder eine Frau ausmacht, ob zwei oder mehr Geschlechter anerkannt werden, inwieweit Körper, Sexualität und soziale Rollen als konstitutiv für Geschlecht gelten – all dies ist vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängig und unterliegt Prozessen des kulturellen Wandels. In vielen Gesellschaften, vor allem außerhalb Europas, unterscheiden sich Geschlechterkonstruktionen und auch die Grenzverläufe zwischen den Kategorien ‚Mann‘ und ‚Frau‘ von den uns bekannten Mustern, gibt es temporäre oder auch dauerhafte Alternativen zu geschlechtlicher Eindeutigkeit, die als ‚drittes Geschlecht‘ bekannt wurden.“
– Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern[109]

Unter ethnologischer Perspektive beschreibt Schröter diese Grenzverläufe an Beispielen aus Asien, Nordamerika, dem Balkan und Brasilien.

In Indien zählen Hijras zu den Angehörigen „des dritten Geschlechts“; es heißt, sie seien weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sie werden „als Intersexuelle bezeichnet und mit einer vergangenen göttlichen Ordnung in Verbindung gebracht“. Sie „gelten als mit übernatürlichen Kräfte[n] begabt“ und eine ihrer „vornehmsten Aufgaben“ bestehe darin, „Neugeborene zu segnen“. Dafür würden sie „Familien, in denen gerade ein Kind geboren wurde“, besuchen – mit oder ohne Einladung.[110]

Entgegen dieser „idealisierten Konzeption spirituell begnadeter Intersexueller“ würden „die meisten hijras allerdings nicht mit uneindeutigem, sondern mit eindeutig männlichem Geschlecht geboren“ und es seien „Homosexuelle oder Transsexuelle“. Die „indische Gesellschaft“ akzeptiere „sexuelle männliche Devianz nur in dieser Form“. Sofern es tatsächlich Intersexuelle seien, „gelten sie von Natur aus mit dem Heiligen gezeichnet“. Doch aller „Heiligkeit zum Trotz“ sei ihr Alltag schon immer „durch ein Leben am Rand der Gesellschaft“ geprägt. Da sie von Segnungen allein nicht leben könnten, arbeiteten sie „primär als aggressive Bettler und Prostituierte“. Ihre „Gemeinschaften“ glichen „organisierten Bordellbetrieben“, „in denen Ausbeutungsstrukturen vorherrschen“. Obwohl „der religiöse Hintergrund des Phänomens gern in den Vordergrund gestellt“ werde, sei die „Motivation, hijra zu werden, nur selten religiös begründet“.[110]

Daneben erwähnt Schröter ein „pakistanisch-muslimisches Äquivalent, das khusra genannt“ werde. Auch für dieses Phänomen in Pakistan gebe es Erzählungen, deren „Wahrheitsgehalt“ von Haniya Rais, einer Anthropologin, bestritten werde. Sie reduziere es „auf eine homosexuelle Subkultur“, in der Intersexualität idealisiert werde und „eine eigene Hierarchie“ konstituiere, „an deren Spitze, nach Rais, diejenigen stehen, die sich dem Kastrationsritual unterzogen haben, während khusras, die noch nicht kastriert sind, oder temporäre Homosexuelle (zenanas) als weniger rein gelten“. Khusras seien „häufig Anhänger lokaler Heiligenkulte und praktizieren eine mystisch ausgerichtete Form des Islam“. Sie würden „von der Bevölkerung, mit der sie leben, geachtet“.[110]

„Die Institution der hijras und khusras ist somit kein Zeichen von Liberalismus oder gar der Nicht-Existenz einer rigiden Geschlechterordnung, sondern ein Ventil für diejenigen, die aufgrund ihrer Biologie oder ihres devianten Begehrens aus dem vorgegebenen starren Rahmen herausfallen.“
– Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern[110]

Auch die Kulturzeitschrift Fikrun wa Fann nahm sich mit einem ausführlichen Artikel[111] des dritten Geschlechts in Pakistan an.

In den „indigenen Gesellschaften des nördlichen Amerikas“, so Schröter, sei die „Institution des dritten Geschlechts seit dem 16. Jahrhundert überliefert“. Dafür hatten sich zu verschiedener Zeit unterschiedliche Begriffe durchgesetzt, bis sich aufgrund der Kritik von „indianischen Aktivistinnen und Aktivisten“ Ende des 20. Jahrhunderts „die Bezeichnung two spirit“ durchsetzte. Auch hier gebe es „Mythen, die auf einen idealisierten doppelgeschlechtlichen Zustand verweisen“. Allerdings sei es hier nicht nur um die „sexuelle Präferenz“, sondern auch um eine „generelle ‚Tätigkeitspräferenz‘“ gegangen, denn two spirits strebten auch die „soziale Rolle des anderen Geschlechts an, dessen Position im Arbeitsprozess und in der Familie, in der Politik und im Krieg“. In diesem Sinne habe der Anthropologe Thomas Wesley für die Navajo von „fünf verschiedenen Geschlechterrollen“ gesprochen. Bei den Plains-Indianern wurde eine „Kriegerinnentradition“ der sogenannten manly-hearted women (deutsch: Frauen mit Männerherz) beschrieben, die „anerkannt und hoch geachtet“ waren, „weil sie sich dort bewährt hatten, wo Männer Prestige erwerben“. Auch war bei „nordamerikanischen Indianern“ Homosexualität „verpönt, und sexuelle Kontakte waren nur zwischen Personen erlaubt, die als gegengeschlechtlich identifiziert waren“. Noch heute seien Homosexuelle beiderlei Geschlechts weitgehend mit „Ablehnung und Diskriminierung konfrontiert“.[112]

Wie andere Autoren weist auch Schröter darauf hin, dass die „überwiegende Anzahl aller Phänomene des dritten Geschlechts“ Menschen betreffe, die „als Mann-zu-Frau-Wechsler bezeichnet“ werden könnten. Warum das so ist, wurde bisher wissenschaftlich nicht aufgeklärt. Ihr vorletztes Beispiel „der ‚geschworenen Jungfrauen‘ des südlichen Balkans“ stellt insofern eine Ausnahme dar. Es handele „sich um Personen weiblichen Geschlechts, die einen männlichen Habitus pflegen und in ihrer männlichen Rolle von der Gesellschaft anerkannt werden“.[113]

„Geschworene Jungfrauen besitzen einen männlichen Namen, tragen männliche Kleidung, einen männlichen Haarschnitt, rauchen und trinken. Sie gehen ausschließlich ‚männlichen‘ Tätigkeiten wie pflügen, Holz hacken oder Heu machen nach, tragen Waffen und nehmen an Jagden und kriegerischen Handlungen teil. Ihre Verhaltensweisen entsprechen dem albanischen Männlichkeitsstereotyp […].“
– Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern[113]

Bei dem Phänomen der geschworenen Jungfrauen gehe es – und darüber bestehe „in der Forschung kein Zweifel“ – nicht um eine „institutionalisierte Nische für weibliche Rebellinnen“, sondern um die „Aufrechterhaltung der patriarchalen heterosexuellen Ordnung in Zeiten des Männermangels“, auch wenn nicht jede Einzelne „das Produkt eines familiären Männermangels“ wäre. In der Regel hätten diese Frauen einen Schwur abgelegt, „niemals zu heiraten oder eine sexuelle Beziehung einzugehen“. Es solle aber „vorgekommen sein, dass ‚geschworene Jungfrauen‘ sich von ihrem Status verabschiedet und geheiratet haben“.[113]

Für Brasilien beschreibt Schröter eine „Besonderheit ‚dritter‘ Geschlechtlichkeit“ mit den dort sogenannten „travestis“. Travestis würden sich in Frauen „verwandeln“, indem sie sich „Östrogene in hoher Dosierung“ zuführen und sich „Silikon in Brüste, Hüften, Oberschenkel und Po“ injizieren – bis zu „20 Liter sollen dabei verwendet werden“. Dabei würde „ein perfekter weiblicher Körper mit männlichen Genitalien“ entstehen. Travestis seien „sehr stolz auf gelungene Ergebnisse“ und stehen „sozial und sexuell […] zwischen den Geschlechtern“. Sie hätten „sexuelle Kontakte, in denen sie aktiv und solche, in denen sie passiv“ seien, aber als „Prostituierte begegnen sie Kunden, die penetriert werden wollen“ und die sie „dafür verachten“. Privat gehen sie Beziehungen „ausschließlich zu ‚wirklichen‘ Männern ein“. Geschlechtsumwandlungen „lehnen sie ab, da sie nicht auf maskuline genitale Lust verzichten wollen“, sie „distanzieren sich bewusst von Transsexuellen und verstehen sich eindeutig als Männer“. Als Prostituierte „gebärden sich travestis alles andere als feminin“. Sie seien „brutal, gewalttätig und haben einen zweifelhaften Ruf als Beischlafräuber“. Insgesamt ergebe sich aus ihrer „Selbstinszenierung“ ein „Bild, das in jeglicher Hinsicht auf einer Kombination weiblicher und männlicher Attribute beruht – eine perfekte intersexuelle Konstruktion“.[114]

Zusammenfassend stellt Schröter fest, „dass Geschlecht und Geschlechtsidentität keineswegs ein universales Muster bildet, das sich biologisch fundieren ließe“.

„In der wissenschaftlichen Debatte wird die Existenz von drei oder mehr Geschlechtern häufig als Indikator für eine liberale Geschlechterordnung definiert, die man der vermeintlich repressiveren Ordnung westlicher Gesellschaften entgegensetzt. Das lässt sich allerdings empirisch nicht bestätigen. Die Existenz des dritten Geschlechts bestätigt vielmehr häufig explizit ein hegemoniales System heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit, welches Homosexuelle zwingt, ihr Geschlecht zu wechseln.“
– Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern[115]

Internationale Aspekte

Arn Sauer und Jana Mittag versuchen in ihrem Beitrag über Geschlechtsidentität und Menschenrechte „den Weg von Unsichtbarmachung, Ausschluss und Unterdrückung hin zum Sichtbarwerden und zu wertschätzender Anerkennung von geschlechtlicher und körperlicher Vielfalt“ in internationalen Zusammenhängen und unter Berücksichtigung der Menschenrechte „zu beschreiben“. Sauer war während seiner „offiziellen Besuche der 47 Mitgliedsstaaten des Europarates […] erschüttert über die Wissensdefizite bezüglich der Menschenrechtsbelange von Transgender-Personen, sogar bei politischen Entscheidungsträgern“.[116] Für eine Definition des Begriffes der geschlechtlichen Identität übernimmt das Autoren-Team jene der Yogyakarta-Prinzipien:

„Unter ‚geschlechtlicher Identität‘ versteht man das tief empfundene innere und persönliche Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, das mit dem Geschlecht, das der betroffene Mensch bei seiner Geburt hatte, übereinstimmt oder nicht übereinstimmt; dies schließt die Wahrnehmung des eigenen Körpers (darunter auch die freiwillige Veränderung des äußeren körperlichen Erscheinungsbildes oder der Funktionen des Körpers durch medizinische, chirurgische oder andere Eingriffe) sowie andere Ausdrucksformen des Geschlechts, z. B. durch Kleidung, Sprache und Verhaltensweisen, ein.“
– Hirschfeld-Eddy-Stiftung: Die Yogyakarta-Prinzipien[12]

Die Yogyakarta-Prinzipien stehen „am Ende einer über 60-jährigen, kontroversen und bis in die jüngste Vergangenheit vorwiegend medizinisch-psychologisch geführten Debatte zur Identitätsbestimmung, die Trans- und Intersexualität nach wie vor pathologisiert“. Sie seien im Jahr 2006 „von einem international besetzten Gremium“ in der indonesischen Stadt Yogyakarta „entworfen und abgestimmt“ worden und fassten bereits bestehende Standards der Menschenrechte zum Thema Geschlechtsidentität zusammen. Von „mindestens fünf Staaten“ sei „bekannt, dass sie ein drittes Geschlecht anerkennen beziehungsweise in Reisepässen als Geschlechtseintrag ein "X" vorsehen“. Es seien dies Indien, Pakistan, Nepal, Australien und Neuseeland. Im Jahr 2010 sei in der „Generalversammlung des Europarates“ ein Beschluss gefasst worden, der sich „gegen die Diskriminierung auch aufgrund von Geschlechtsidentität“ richtet. „Einen Überblick über nationale Regelungen in mittlerweile 66 Ländern der Welt gibt das weltweite Mapping der Rechts- und Soziallage“ von Menschen mit einem dritten Geschlecht, das von dem Forschungsprojekt Transrespekt versus Transphobie (TvT) online[117] zur Verfügung gestellt wurde.[118]

Trotz einer „sich allmählich verbessernden internationalen Menschenrechtslage“ seien viele Menschen, die sich einem dritten Geschlecht zugehörig fühlen, „nach wie vor Ziel von Diskriminierung und Gewalt bis hin zu Kapitalverbrechen“. Ihre „juristische sowie medizinische“ Lage sei in „den meisten Ländern dieser Welt“ problematisch. Man treffe „hohe Behandlungskosten“ und „vorgeschriebene Operationen“ an – das „niederländische Transsexuellengesetz schreibt“ beispielsweise „die Sterilität nach wie vor zwingend vor“. Die „medizinischen Diagnosen Transsexualität und Intersexualität“ führten einerseits zu Stigmatisierungen; sie bildeten aber andererseits „in manchen Ländern die Basis für die Kostenerstattung medizinischer Maßnahmen“. Das wiederum „gibt es nur in wenigen Ländern“; „Qualitätsstandards für Operationen existieren häufig nicht“. Wenn keine „gesundheitliche Betreuung existiert“, werde nicht selten zur Selbstbehandlung gegriffen, „mit oft gravierenden gesundheitlichen Schäden bis hin zur Todesfolge“.[119]

Trotz mancher Gemeinsamkeiten gebe es auch zahlreiche Unterschiede. So litten beispielsweise Transsexuelle in vielen Ländern „unter der Verweigerung gewollter medizinischer Behandlung“, während Intersexuelle nicht selten „durch Zwangsbehandlungen traumatisiert“ würden, die oft „im nicht-einwilligungsfähigen Alter ohne tatsächliche medizinische Notwendigkeit“ durchgeführt und meist „als weiblich angelegt“ würden. „Die meisten Neo-Genitale weisen – entgegen medizinischer Machbarkeitsversprechen – keine oder keine ausgeprägte Sensibilität auf, Unfruchtbarkeit ist oft eine weitere Konsequenz“. Eine „unkritische Einführung […] westlicher medizinischer Standards“ gefährde zudem in den „wenigen noch vorhandenen vorkolonialen Gesellschaften“ existierende Strukturen, in denen Betroffene „geschützt leben können“.[119]

Für Personenstand und Rechtslage haben sich in den meisten Ländern den jeweils unterschiedlichen kulturellen Besonderheiten entsprechend verschiedene Regelungen und gesetzliche Grundlagen entwickelt. „Verfahren für die Geschlechtseintragung und Vornamensänderung“ seien oft, „wenn überhaupt vorhanden, langwierig und bürokratisch“. In 30 von 61 daraufhin untersuchten Ländern wären „Änderungen möglich“, wenn auch an verschiedene „Bedingungen geknüpft“. In der Regel werde die Vorlage psychiatrischer Gutachten gefordert.[119]

In vielen Ländern würden die „Bedürfnisse“ von Menschen mit einem dritten Geschlecht in der „Öffentlichkeit und auch der Politik“ kaum wahrgenommen, „Informationsangebote“ seien selten und häufig würden „verschiedene Geschlechtidentitäten und sexuelle Orientierungen“ ohne Hinweis auf die unterschiedliche Bedeutung „mit Homosexualität gleichgesetzt“. Die aber sei „in einer Vielzahl von afrikanischen und islamisch geprägten Staaten kriminalisiert, die Strafen gehen bis hin zur Todesstrafe“. Es sei „ein besorgniserregender Trend zur Kriminalisierung […] zu beobachten“.[119]

Die sozioökonomische Situation für Menschen, die sich einem dritten Geschlecht zugehörig fühlen, sei oft durch „Armut und Arbeitslosigkeit“ geprägt und stelle „überall auf der Welt eine elementare Sorge dar“. Von den Betroffenen seien „viele“ als Prostituierte tätig oder übernähmen Tätigkeiten „in anderen illegalen oder gefährlichen Untergrundökonomien“. In manchen Ländern hätten sich Nischen entwickelt, jedoch ohne dass sich die materiellen Bedingungen wesentlich verbesserten.

Aufgrund von sogenannter Trans- oder Homophobie fehle es nicht nur an Respekt, sondern es bleibe für Menschen „mit nicht geschlechtskonforme[m] Auftreten“ nicht nur bei Diskriminierung. In vielen Ländern seien sie erheblicher Gewalt ausgesetzt, „zum Teil von den eigenen Familien“, in manchen Ländern drohten „Folter und Mord“. So seien von 2008 „bis März 2012 weltweit in 55 Ländern insgesamt 816 Morde […] mit steigenden Fahlzahlen (sic!) dokumentiert“.[119][120] Selten nur „finden sich öffentliche Fürsprecher, die sich für den Schutz der Menschenrechte […] einsetzen“. Doch es gebe Ausnahmen. So fänden sich „Positivbeispiele“ unter anderem „im pazifischen Raum“.[119]

Noch gebe es für Menschen mit Trans- und Intersexualität keinen umfassenden „Menschenrechtsschutz“ und noch würden gegen sie gerichtet weltweit zahlreiche „Menschenrechtsverletzungen“ festgestellt. Sie „haben ähnliche aber auch unterschiedliche Probleme“, die nicht immer berücksichtigt würden. Es „existiert beispielsweise keine empirische Forschung zu den Lebens- und Diskriminierungslagen“ von Intersexuellen „und nur wenig“ zu Transsexuellen. Die noch „jungen Emanzipationsbewegungen“ der beiden Gruppen kämpften „manchmal zusammen – manchmal getrennt“ um „Entpathologisierung, Entstigmatisierung und als oberstes Primat [um] die Selbstbestimmungsrechte ihrer Mitglieder“.[121]

Störungen der Geschlechtsidentität

Wenn sich die einschlägige Fachliteratur mit sexuellen Identitätsstörungen befasst, wird nicht immer kenntlich gemacht, welcher Bedeutung die verwendeten Begriffe zugewiesen werden. Viele der in diesem Zusammenhang verwendeten Begriffe tauchen weder in der ICD-10, noch im Vokabular der Psychoanalyse von Laplanche und Pontalis auf.[122] Auch andere Fach-Wörterbücher kennen nur einige wenige der verwendeten Begriffe. Das mag damit zusammenhängen, dass es keine Definition gibt, auf die man sich in den Bezugswissenschaften wie Psychologie, Soziologie oder Sexualwissenschaft geeinigt hätte. Hinzu kommt, dass in Fachkreisen zwar nach wie vor keine Zweifel daran bestehen, dass es krankheitswertige Störungen der Geschlechtsidentität geben kann; doch seit das Thema Transgender in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird, haben sich die damit verbundenen Inhalte verändert. Auch ist die Diagnose der früher sogenannten Geschlechtsidentitätsstörung aus dem einschlägigen Diagnosemanual DSM bereits entfernt worden. In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) ist sie in der derzeit noch gültigen Version 10 jedoch noch enthalten.[123]

Die seit 2007 in Überarbeitung befindliche Version 11 der ICD, deren Veröffentlichung für Mai 2018 geplant war,[124] wird von den einschlägigen Verbänden kontrovers diskutiert. Die Aktion Transsexualität und Menschenrecht (ATME) hat im Juli 2017 Widerstand angekündigt für den Fall, dass sie sich mit ihrer bei der WHO eingereichten Forderung nicht durchsetzen kann, „die Diagnose ‚Gender incongruence of childhood‘ aus dem kommenden ICD zu streichen“:

„Wir erachten es [..] als übergriffig, Kinder in Beratungsprogramme zu stecken, die womöglich das Ziel verfolgen, Kindern einzureden, dass ihr körperliches Thema ein Thema der ‚Gender Identity‘ sei. Sollten oben genannte Organisationen dieses Ziel verfolgen, dann sagen wir ihnen: Ihr könnt mit unserem Widerstand rechnen.“
– ATME, Juli 2017[125]

Im DSM-5 ist den krankhaften Störungen der Geschlechtsidentität der Begriff Geschlechtsdysphorie zugeordnet worden.

Gender-Debatte

In den Diskussionen zum Thema Geschlechtsidentität und der Frage des Verhältnisses der Geschlechter zueinander kommt Unbehagen auf. Die Philosophin Rebekka Reinhard hat im Juli 2017 gemeinsam mit ihrem Kollegen Thomas Vašek vorgeschlagen, „die alte Gender-Debatte [zu] begraben“. Es sei eine „Debatte um die Geschlechterdifferenz“ und sie sei „ideologisch erstarrt“, „intellektuell fruchtlos“ und befinde sich in einer „Sackgasse“.[126] Die beiden Autoren des Magazins Hohe Luft fordern „eine grundlegend andere Sicht“ auf die „Geschlechterdifferenz – eine Sicht, die Menschen in ihrer Individualität und Fähigkeit zur Selbstbestimmung ernst nimmt“. Biologische Unterschiede und soziale Normen seien, so die beiden Autoren, nicht das Entscheidende. Vielmehr nähmen Frauen und Männer „verschiedene Dinge wichtig“, und das sei viel mehr als alles andere die „grundlegende Differenz, welche die Geschlechter voneinander trennt“. Sie schlagen vor, über ein Konzept „nachzudenken“, das sie das „ethische Geschlecht“ nennen, und das würde „auf männlichen und weiblichen Werten“ beruhen. Dieser Werte könnten sich alle Geschlechter bedienen, unabhängig von Biologie oder Sozialisation. Die Autoren kommen zu dem Schluss:

„Erst wenn männliche und weibliche Werte aufeinanderprallen, ohne dass es dabei um Macht und Unterwerfung ginge, kann die Geschlechterdifferenz ihre fruchtbare Wirkung entfalten – als Differenz zwischen Werten, nicht zwischen Männer [sic!] und Frauen.“
– Rebekka Reinhard, Thomas Vašek: Hohe Luft (2017)[126]

Literatur

Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. Studien über Idealisierung, Anerkennung und Differenz. Stroemfeld, Basel 1993, ISBN 3-86109-101-1.
Hartmut A. G. Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. Neue Befunde zu einem alten Streit. In: Sexuologie. Band 7, Nr. 2/3, 2000, S. 96–140 (sexualmedizin-kiel.info [PDF; 298 kB; abgerufen am 8. Juni 2017]).
Ian W. Craig, Emma Harper, Caroline S. Loat: The Genetic Basis for Sex Differences in Human Behaviour: Role of the Sex Chromosomes. In: Annals of Human Genetics. Vol. 68, Nr. 3, 2004, S. 269–284, doi:10.1046/j.1529-8817.2004.00098.x.
Susanne Günthner, Dagmar Hüpper, Constanze Spieß (Hrsg.): Genderlinguistik: Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität. De Gruyter, Berlin April 2012, ISBN 978-3-11-027287-1 (Aufsatzsammlung; doi:10.1515/9783110272901; Leseprobe in der Google-Buchsuche).
Wolfgang Mertens: Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität. Geburt bis 4. Lebensjahr. 3., überarbeitete Auflage. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1997, ISBN 978-3-17-014778-2.
Wolfgang Mertens: Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität. Kindheit und Adoleszenz. 2., überarbeitete Auflage. Band 2. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 978-3-17-014065-3.
Christa Rohde-Dachser: Spuren des Verlorenen. Beiträge zur klinischen Psychoanalyse und zur Geschlechterdifferenz (= Bibliothek der Psychoanalyse). Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN 978-3-8379-2971-3, doi:10.30820/9783837929713.
Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten: Zwischenrufe eines Sexualwissenschaftlers (= Martin Dannecker, Gunter Schmidt, Volkmar Sigusch [Hrsg.]: Beiträge zur Sexualforschung. Band 87). Psychosozial, Gießen 2005, ISBN 3-89806-482-4.
Robert Stoller: Perversion: Die erotische Form von Haß. Psychosozial, Gießen 1998, ISBN 3-932133-51-X.
Estela V. Welldon: Perversionen der Frau (= Martin Dannecker, Gunter Schmidt, Volkmar Sigusch [Hrsg.]: Beiträge zur Sexualforschung. Band 82). Psychosozial, Gießen 2003, ISBN 3-89806-164-7.

Anmerkungen

1) Dazu gehört beispielsweise die Berufsrolle, die ebenso identitätsstiftend sein kann, wie die Rolle als Elternteil und viele andere mehr, denen jeweils auf eine andere Weise und mit verschiedenen Mitteln Ausdruck verliehen wird.
2) Milton Diamond, Professor für Anatomie und reproduktive Biologie, verknüpfte verschiedene Begriffe (2002):
„Sexual identity speaks to the way one views him or her self as a male or female. This inner conviction of identification usually mirrors one’s outward physical appearance and the typically sex-linked role one develops and prefers or society attempts to impose. Gender identity is recognition of the perceived social gender attributed to a person. Typically a male is perceived as a boy or a man where boy and man are social terms with associated cultural expectations attached. Similarly, a female is perceived as a girl or woman.“
„Sexuelle Identität bezeichnet die Art und Weise, wie man sich selbst als männlich oder weiblich begreift. Diese innere Überzeugung eigener Identifikation spiegelt normalerweise die äußere Erscheinung und die typischerweise geschlechtsgebundene Rolle wider, die man entwickelt und bevorzugt oder die die Gesellschaft aufzuzwingen versucht. Geschlechtsidentität ist die Anerkennung des wahrgenommenen sozialen Geschlechts, das einer Person zugeschrieben wird. Typischerweise wird ein Junge oder ein Mann als männlich wahrgenommen, wenn Junge und Mann soziale Begriffe mit assoziierten kulturellen Erwartungen sind. In ähnlicher Weise wird ein Mädchen oder eine Frau als weiblich wahrgenommen.“
Milton Diamond: Sex and Gender are Different. Sexual Identity and Gender Identity are Different. In: Clinical Child Psychology & Psychiatry. Band 7, Nr. 3, 2002, S. 320–334, doi:10.1177/1359104502007003002 (englisch).
3) siehe Gonade
4) siehe beispielsweise Innere Geschlechtsorgane
5) siehe beispielsweise Äußere Geschlechtsorgane
6) Hier gibt Richter-Appelt in FN 4 auf S. 1 ihres Aufsatzes irrtümlich eine falsche Quelle an. Richtig wäre: Franziska Brunner, Caroline Prochnow, Katinka Schweizer, Hertha Richter-Appelt: Körper- und Geschlechtserleben bei Personen mit kompletter Androgeninsensitivität. In: Z Sex-Forsch. Band 25, Nr. 1. Georg Thieme, Stuttgart u. a. 2012, S. 26–48, doi:10.1055/s-0031-1283940.
7) Auf ihrer Website gibt die Intersex Society of North America als Gründungsjahr 1993 an.
8) Von Wunder unerwähnt: 1993 wurde in Deutschland der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie (VLSP) gegründet und 2003 in Kanada die Organization Intersex International.
9) Zu dieser, offenbar umstrittenen Studie von Eva Kleinemeier und Martina Jürgensen: Erste Ergebnisse der Klinischen Evaluationsstudie im Netzwerk Störungen der Geschlechtsentwicklung/Intersexualität in Deutschland, Österreich und Schweiz Januar 2005 bis Dezember 2007; durchgeführt im Rahmen des Netzwerks „Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD)/Intersexualität“. 41 Seiten (Memento vom 21. Februar 2016 im Internet Archive) (PDF; 228 kB) auf netzwerk-dsd.uk-sh.de, lässt sich im Netz eine Quelle finden (9 Seiten (PDF; 2,4 MB) kastrationsspital.ch), deren Herkunft jedoch nicht als gesichert angesehen werden kann. Die Kritik an der Studie geht bis zu Manipulationsvorwürfen (beispielsweise User Seelenlos: Wie das „Netzwerk DSD“/„Euro DSD“ die „Lübecker Studie“ frisiert. In: blog.zwischengeschlecht.info. 17. Juni 2009).

Einzelnachweise

1) Hartmut A. G. Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. Neue Befunde zu einem alten Streit. In: Sexuologie. Band 7, Nr. 2/3, 2000, ISSN 0944-7105, S. 100 (sexualmedizin-kiel.info [PDF; 298 kB; abgerufen am 9. Juni 2017]).
2) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 130
3) Heinrich-Böll-Stiftung Hessen: Böll Analytics mit Sophinette Becker – Identität! (ab 0:27:18) auf YouTube, 15. Dezember 2018, abgerufen am 19. Juni 2020 (Livemitschnitt des Vortrages vom 4. Dezember 2018).
4) Heinrich-Böll-Stiftung Hessen: Böll Analytics mit Sophinette Becker – Identität! (ab 0:12:50) auf YouTube, 15. Dezember 2018, abgerufen am 19. Juni 2020 (Livemitschnitt des Vortrages vom 4. Dezember 2018).
5) Hartmut A. G. Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. Neue Befunde zu einem alten Streit. In: Sexuologie. Band 7, Nr. 2/3, 2000, ISSN 0944-7105, S. 96 (sexualmedizin-kiel.info [PDF; 298 kB; abgerufen am 8. Juni 2017]).
6) Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten. Zwischenrufe eines Sexualforschers. Psychosozial, Gießen 2005, ISBN 3-89806-482-4, S. 97.
7) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 108
8) Hartmut A. G. Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. Neue Befunde zu einem alten Streit. In: Sexuologie. Band 7, Nr. 2/3, 2000, ISSN 0944-7105, S. 108 (sexualmedizin-kiel.info [PDF; 298 kB; abgerufen am 9. Juni 2017]).
9) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 109
10) Je einen Überblick über die Forschungsergebnisse zur Frage männlich aggressiven Verhaltens geben
G.P. Knight, R.A. Fabes, D.A. Higgins: Concerns about drawing causal inferences from meta-analyses: An example in the study of gender differences in aggression. In: Psychol Bull. Band 119, Nr. 3, 1996, S. 410–421, PMID 8668746 (englisch).
B.A. Bettencourt, N. Miller: Gender differences in aggression as a function of provocation: A meta-analysis. In: Psychol Bull. Band 119, Nr. 3, 1996, S. 422–447, PMID 8668747 (englisch).
11) E. Schorsch, G. Galedary, A. Haag, M. Hauch, H. Lohse: Perversion als Straftat. Dynamik und Psychotherapie. Springer, Berlin u. a. 1985, ISBN 978-3-540-12468-9.
12) Die Yogyakarta-Prinzipien. Prinzipien zur Anwendung der Menschenrechte in Bezug auf die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. In: Hirschfeld-Eddy-Stiftung (Hrsg.): Schriftenreihe der Hirschfeld-Eddy-Stiftung. Band 1, 2008, ISSN 1865-6056, S. 11, Fußnote 2 (hirschfeld-eddy-stiftung.de [PDF; 521 kB; abgerufen am 5. Juli 2017] englisch: The Yogyakarta Principles. Principles on the application of international human rights law in relation to sexual orientation and gender identity. Yogyakarta 2006. Übersetzt von Hirschfeld-Eddy-Stiftung mit Unterstützung durch Petra Schäfter und das Deutsche Institut für Menschenrechte).
13) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 97
14) Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. Studien über Idealisierung, Anerkennung und Differenz. Stroemfeld, Basel 1993, ISBN 3-86109-101-1, S. 16 ff.
15) Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. 1993, S. 16
16) Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. 1993, S. 16/17
17) E. S. Person, L. Ovesay: Psychoanalytic Theories of Gender Identity. In: Journal of the American Academy of Psychoanalysis. Band 11, 1983, ISSN 1546-0371, S. 203–226.
zitiert nach Benjamin 1993, S. 17
18) Karl König: Die Fixierung in der Dyade (= P. Buchheim, M. Cierpka, Th. Seifert [Hrsg.]: Lindauer Texte. Texte zur psychotherapeutischen Fort- und Weiterbildung. Konflikte in der Triade. Spielregeln in der Psychotherapie. Weiterbildungsforschung und Evaluation). Springer, Berlin u. a. 1995, ISBN 978-3-540-59161-0, S. 39–50.
19) Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. 1993, S. 18
20) Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. 1993, S. 19
21) Karen Horney: Die Psychologie der Frau. 3., unveränd. Auflage. Dietmar Klotz, Eschborn bei Frankfurt/M. 2007, ISBN 978-3-88074-488-2 (Originaltitel: Die Psychologie der Frau. 1922.).
22) Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. 1993, S. 20
23) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 114
24) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 115
25) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 131
26) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 132
27) Mahrokh Charlier: Geschlechtsspezifische Entwicklung in patriarchalischislamischen Gesellschaften und deren Auswirkung auf den Migrationsprozeß. In: Psyche. Band 60, 2006, ISSN 0033-2623, S. 97–117.
28) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 112
29) Um sich einen Überblick zu verschaffen, schlägt Bosinski (auf S. 112) verschiedene Veröffentlichungen vor, darunter:
Eleanor E. Maccoby: The two sexes. Growing up apart, coming together. Harvard University Press, Cambridge 1998, ISBN 978-0-674-91482-7 (englisch).
D.N. Ruble, C.L. Martin: Gender Development. In: William Damon (Hrsg.): Handbook of child psychology. 6. Auflage. Band 3. Wiley, New York 2006, ISBN 978-0-471-27290-8, Social, emotional, and personality development, S. 933–1016 (englisch).
30) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 104
31) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 118
32) Hartmut Bosinski: Determinanten der Geschlechtsidentität. 2000, S. 113
33) Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten. Zwischenrufe eines Sexualforschers. Psychosozial, Gießen 2005, ISBN 3-89806-482-4, S. 67.
34) Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 1, abgerufen am 8. Mai 2017.
35) Transsexualität. Mit dem falschen Geschlecht geboren. In: Nano. 3sat, abgerufen am 14. Juni 2017 (Für die Gruppe der Transgender): „Einer von 12.000 Männern wünscht sich eine Frau zu sein, obwohl sein biologisches Geschlecht männlich ist. Bei Frauen ist Transsexualität seltener, etwa eine von 30.000 biologischen Frauen wäre gerne ein Mann.“
36) Geschlechtsidentität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 4. Mai 2017.
37) Anne Seibring: Geschlechtsidentität. Editorial. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017.
38) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. 2012, S. 1: „Eine ‚Geschlechtsidentität‘ haben alle Menschen, diese wird aber nur dann thematisiert, wenn sie von der Norm abweicht. Zwei große Fragestellungen der Geschlechtsidentität fordern das Rechtssystem heraus: Transgender und Intersex.“
39) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Die Einteilung in zwei eindeutig voneinander zu unterscheidende Geschlechter strukturiert unseren Alltag. Sie erscheint als ‚natürliche‘ und selbstverständliche Tatsache, stellt sich aber aus soziologischer Perspektive sehr viel komplexer dar.“
40) Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Die Unterteilung in ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ hat ihre Berechtigung, wie die Evolutionsgeschichte zeigt. Die Faktoren für die individuelle Entwicklung – ‚Anlagen‘ und ‚Umwelt‘ – lassen sich nicht unabhängig voneinander betrachten.“
41) Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Geschlechtsidentität wird thematisiert, wenn Unsicherheit auftritt, etwa bei Inter- oder Transsexualität. Im Gegensatz zur früheren Anlage-Umwelt-Gegenüberstellung wird mittlerweile von einer multifaktoriellen Determinierung der Identität ausgegangen.“
42) Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Wie konnte sich die medizinische Definitionsmacht über Intersexualität historisch durchsetzen? Zentral dafür war, so die These des Beitrags, die Konstruktion der ‚Geschlechtsidentität‘ als psychischer Entität Mitte des 20. Jahrhunderts.“
43) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Der Deutsche Ethikrat hat eine Stellungnahme zum Thema Intersexualität vorgelegt. Vorausgegangen war ein intensiver Dialog mit Betroffenen, Selbsthilfegruppen und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen.“
44) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts – Transvestitismus und Transsexualität historisch betrachtet. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts und, oft damit verbunden, der Wechsel des sozialen Geschlechts sind in der europäischen Geschichte seit Langem bekannt, gerieten aber erst im späten 19. Jahrhundert in den medizinischen Blick.“
45) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Ob zwei oder mehr Geschlechter anerkannt werden, ist vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängig. In vielen Gesellschaften, vor allem außerhalb Europas, unterscheiden sich Geschlechterkonstruktionen von den uns bekannten Mustern.“
46) Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Im internationalen Menschenrechtsschutz hat sich Vieles zum Positiven entwickelt. Zugleich aber lässt die geschlechtliche Vielfalt und Randständigkeit von Trans* und Inter* sie weiterhin zum Ziel von Diskriminierung und Gewalt werden.“
47) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. In: Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 6, abgerufen am 5. Mai 2017.
48) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. 2012, S. 1
49) Paula-Irene Villa: Der große kleine Unterschied. Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung.
zit. nach Küppers 2012, S. 1.
50) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. 2012, S. 2
51) Kerrin Christiansen: Biologische Grundlagen der Geschlechterdifferenz. In: Ursula Pasero, Frederike Braun (Hrsg.): Konstruktion von Geschlecht. Centaurus, Pfaffenweiler 1995, ISBN 978-3-8255-0016-0, S. 13–28.
zit. nach Küppers 2012, S. 2
52) Sigrid Schmitz: Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn? Über den Geschlechterdeterminismus in der Hirnforschung und Ansätze zu seiner Dekonstruktion. In: Forum Wissenschaft. 20. Mai 2005, abgerufen am 5. Mai 2017.
zit. nach Küppers 2012
53) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. 2012, S. 3
54) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. 2012, S. 4
55) Gitta Mühlen–Achs: Geschlecht bewusst gemacht. Körpersprachliche Inszenierungen. Ein Bilder- und Arbeitsbuch. Frauenoffensive, München 1998, ISBN 978-3-88104-308-3, S. 21. zit. nach Küppers 2012, S. 1
56) Carolin Küppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. 2012, S. 5
57) Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, hier S. 5, abgerufen am 28. August 2019.
58) Voland und Johow verweisen in diesem Zusammenhang auf
Doris Bischof-Köhler: Von Natur aus anders. Die Natur der Geschlechtsunterschiede. 4., überarbeitete und erw. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-17-021625-9.
Sarah Blaffer Hrdy: Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution. Berlin-Verlag, Berlin 2000, ISBN 978-3-8270-0240-2.
60) Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, hier S. 4, abgerufen am 28. August 2019.
61) Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, hier S. 1, abgerufen am 28. August 2019.
62) Lise Eliot: The Trouble with Sex Differences. In: Neuron. Band 72, 2011, S. 895–898, doi:10.1016/j.neuron.2011.12.001.
63) Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, hier S. 2, abgerufen am 28. August 2019.
64) Richard Dawkins: Das egoistische Gen. 2., unveränd. Auflage. Springer, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-642-55391-2.
65) Leonart Sax: How common is intersex? A reply to Fausto-Sterling. In: Journal of Sex Research. Band 39, Nr. 3, 2002, ISSN 0022-4499, S. 174–178.
66) Anderes, divers oder inter? In: tagesschau.de. 19. Mai 2018, abgerufen am 20. Mai 2018: „Der Deutsche Ethikrat geht davon aus, dass es etwa 80.000 intersexuelle Menschen in Deutschland gibt.“
Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, hier S. 3, abgerufen am 28. August 2019.
67) Adolf Heschl: Das intelligente Genom. Über die Entstehung des menschlichen Geistes durch Mutation und Selektion. Springer, Berlin u. a. 1998, ISBN 978-3-540-64202-2.
68) Deutscher Ethikrat (Hrsg.): Intersexualität: Stellungnahme. 2012, ISBN 978-3-941957-27-5 (201 Seiten (Memento vom 18. März 2016 im Internet Archive) [PDF; 1,5 MB]).
69) Geschlechtsidentität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 2012, abgerufen am 10. April 2017.
70) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 29. Juni 2017.
71) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. 2012, S. 2
72) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. 2012, S. 3
73) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. 2012, S. 4
74) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. 2012, S. 5
75) Laura Adamietz: Geschlechtsidentität im deutschen Recht. 2012, S. 6
76) Hertha Richter-Appelt: Intersexualität – Störungen der Geschlechtsentwicklung. In: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. Band 50, Nr. 1, 2007, S. 52–61.
77) Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie. 2012, S. 2
78) Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie. 2012, S. 3
79) Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie. 2012, S. 4
80) Hertha Richter-Appelt: Geschlechtsidentität und -dysphorie. 2012, S. 5
81) Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 1, abgerufen am 10. Mai 2017.
82) Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. 2012, S. 2
83) Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. 2012, S. 3
84) Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. 2012, S. 4
85) Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. 2012, S. 5
86) Intersexualität im Diskurs. (Nicht mehr online verfügbar.) Deutscher Ethikrat, 20. März 2012, archiviert vom Original am 7. Mai 2017; abgerufen am 28. August 2019.
87) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 1, abgerufen am 12. Mai 2017.
88) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 2
89) Intersexuelle Menschen e. V. Abgerufen am 26. Juni 2017.
90) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 3
91) Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität: Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD. In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band 156, Nr. 3, 2008, ISSN 0026-9298, S. 241–245.
92) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 4
93) Daniela Truffer: Zur Situation von Menschen mit Intersexualität in Deutschland: Öffentliche Anhörung vom 8. Juni 2011. Deutscher Ethikrat, 8. Juni 2011; Vertreterin von Zwischengeschlecht.org; 5 Seiten (PDF; 92 kB) auf ethikrat.org
94) Katinka Schweizer, Hertha Richter-Appelt: Die Hamburger Studie zur Intersexualität. Ein Überblick. In: Katinka Schweizer, Hertha Richter-Appelt (Hrsg.): Intersexualität kontrovers: Grundlagen, Erfahrungen, Positionen. Psychosozial, Gießen 2012, ISBN 978-3-8379-2188-5, S. 187 ff.
95) Alfons Bora: Zur Situation intersexueller Menschen: Bericht über die Online-Umfrage des Deutschen Ethikrates. Deutscher Ethikrat, Berlin 2012, ISBN 978-3-941957-28-2.
96) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 5
97) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 6
98) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 7
99) Michael Wunder: Intersexualität: Leben zwischen den Geschlechtern. 2012, S. 8
100) In: Albert Moll: Handbuch der Sexualwissenschaften. F. C. Vogel, Leipzig 1921, S. 608.
101) Dr. Rainer Herrn. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, abgerufen am 7. Juli 2017.
102) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts – Transvestitismus und Transsexualität historisch betrachtet. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Geschlechtsidentität. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 1, abgerufen am 14. Mai 2017.
103) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts. 2012, S. 2
104) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts. 2012, S. 3
105) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts. 2012, S. 4
106) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts. 2012, S. 5
107) Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts. 2012, S. 6
108) Harry Benjamin: Transsexualismus, Wesen und Behandlung. In: Der Nervenarzt. Band 35, Nr. 11, 1964, ISSN 0028-2804, S. 499 f.
109) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 1, abgerufen am 15. Mai 2017.
110) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. 2012, S. 2
111) Jürgen Wasim Frembgen: Das dritte Geschlecht in Pakistan. Tänzer, Sänger und Performer. Goethe-Institut, 2011, abgerufen am 7. Juli 2017 (Übersetzerin: Simone Falk).
112) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. 2012, S. 3
113) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. 2012, S. 4
114) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. 2012, S. 5
115) Susanne Schröter: Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. 2012, S. 6
116) Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. Mai 2012, S. 1, abgerufen am 16. Mai 2017.
117) Map. Transrespekt versus Transphobie, abgerufen am 29. Juni 2017 (englisch, Über die Startseite der Weltkarte können für verschiedene Aspekte je unterschiedliche Weltkarten abgerufen werden).
118) Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. 2012, S. 2
119) Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. 2012, S. 3
120) Siehe mit aktualisierten Daten: IDAHOT 2016 – Trans Murder Monitoring Update. Transrespekt versus Transphobie, 2016, abgerufen am 30. Juni 2017.
121) Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. 2012, S. 4
122) Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. 16. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3-518-27607-5.
123) F64.-Störungen der Geschlechtsidentität. Abgerufen am 29. Juni 2017.
124) ICD-11 Joint Linearization for Mortality and Morbidity Statistics: Project Plan 2015–2018. (PDF; 75 kB) WHO, 2017, abgerufen am 7. Juli 2017 (englisch).
125) ICD11: Transgender-Verbände wollen Körpervariationen bei Kindern nicht anerkennen. ATME, 1. Juli 2017, abgerufen am 7. Juli 2017.
126) Rebekka Reinhard, Thomas Vašek: Das ethische Geschlecht. 26. Juli 2017, abgerufen am 5. September 2017.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtsidentit%C3%A4t. Abgerufen am 23.10.2021)

Sexuelle Orientierung


Sexuelle Orientierung, auch Sexualorientierung oder Geschlechtspartner-Orientierung, erfasst die nachhaltigen Interessen einer Person bezüglich des Geschlechts beziehungsweise der Geschlechtsidentität (Gender) von potentiellen Partnern auf der Basis von Reproduktionsinteresse, Emotion, romantischer Liebe, Sexualität und Zuneigung. Gegenüber sexuellem Verhalten unterscheidet sich die Orientierung durch den Bezug auf Gefühle und Selbstkonzept. Darauf basierendes sexuelles Verhalten kann stattfinden, muss aber nicht. Zwischen zwei Extremen herrscht eine stufenlose Vielfalt.[1]

Für dasselbe Themengebiet wurden und werden auch die Bezeichnungen Geschlechtsneigung, sexuelle Veranlagung, sexuelle Ausrichtung, sexuelle Neigung verwendet oder Sexualpräferenz oder sexuelle Identität, die aber meist weitreichendere oder andere Definitionen enthalten.

Kategorien und Abgrenzung

Als eigenständige sexuelle Orientierungen allgemein anerkannt sind folgende Kategorien:

Heterosexualität – ausschließlich oder überwiegend Menschen des anderen Geschlechts sind von Interesse
Homosexualität – ausschließlich oder überwiegend Menschen des gleichen Geschlechts sind von Interesse
Bisexualität, auch Ambisexualität – Menschen beiderlei Geschlechts sind von Interesse

weitere mögliche Kategorien sind:

Asexualität – Menschen sind unabhängig von deren Geschlecht in sexueller Hinsicht nicht oder nur wenig von Interesse. Im Gegensatz zu den anderen sexuellen Orientierungen trifft der Begriff der Asexualität aber keine Aussage über die gefühlsmäßige Ausrichtung oder die romantische Orientierung.
Polysexualität – Menschen mehreren, aber nicht allen sozialen oder körperlichen Geschlechts können von Interesse sein; beziehungsweise
Pansexualität – Menschen jeglichen sozialen oder körperlichen Geschlechts können von Interesse sein

Für eine Einteilung sind die überwiegenden und zeitlich anhaltenden Interessen von Bedeutung.

Die Kategorien alleine können im allgemeinen Sprachgebrauch folgende verschiedene Bedeutungen haben:[2]

ein Verhalten (etwa Situationsgebundene Homosexualität im Gefängnis, Jugenderlebnisse)
ein Zustand („homosexuell sein“), eine Persönlichkeitseigenschaft, eine Wesensart
eine soziale Rolle (verschiedene Art und Weisen, wie Menschen in der Gesellschaft etwa als „Bisexuelle“ leben)

Ein Homosexueller, Bisexueller oder Heterosexueller ist also entweder jemand, der ein bestimmtes Verhalten zeigt oder jemand, der sich in einem bestimmten Zustand befindet oder jemand, der eine bestimmte soziale Rolle spielt. Heute gibt es in den meisten westlichen Ländern die Tendenz, alle drei Bedeutungen zu bündeln. Verhalten, Zustand und soziale Rolle sind demnach verschiedene Aspekte des gleichen Phänomens, der sexuellen Orientierung.[2]

Selten wird folgende Einteilung verwendet:

Androphilie – überwiegend Männer sind von Interesse
Pansexualität/Bisexualität
Gynäkophilie – überwiegend Frauen sind von Interesse

Dies kann vor allem bei der Beschreibung von transgender, transsexuellen, intersexuellen Menschen oder dritten Geschlechtern anderer Kulturen Vorteile bieten, wo die anderen Begriffe manchmal Verwirrung stiften.[3]

Asexualität

Asexualität wird oftmals zu den sexuellen Orientierungen hinzugerechnet, auch wenn der Begriff sich nur auf die aktive Sexualität selbst bezieht, nicht auf die romantische Attraktion (welche bei anderen Sexualitäten übereinstimmt).[4] Hierbei wird oft das Split Attraction Model verwendet, um zu erklären, dass die die sexuelle Attraktion nicht unbedingt mit der Ausrichtung der emotionalen oder romantischen Anziehung oder dem Verhalten im Hinblick auf den Austausch von Zärtlichkeiten übereinstimmt.[5] Kinsey verwendete neben seiner siebenstufigen Skala auch ein Kategorie X für jene, die weder von Männern noch von Frauen sexuell erregt oder angezogen werden. Aktuell (Stand 2016) finden international und auch im deutschsprachigen Raum Forschungen zu Asexualität statt.[6][7]

Pädophilie/Pädosexualität

In der Fachwelt wird aus verschiedenen Gründen öfter darüber diskutiert, ob echte Pädophilie – bei der das primäre sexuelle Interesse Personen gilt, die noch nicht die Pubertät erreicht haben – im engeren Sinn (nicht Machtinteressen, Sadismus oder Ersatzhandlungen) als sexuelle Orientierung, Ausrichtung, Präferenz oder Neigung anzusehen ist.

Als Lösungsansatz teilen Ahlers, Schaefer und Beier 2005 die menschliche Sexualität auf die folgenden drei Komponenten auf.[8] Diese Aufteilung wird schon diskutiert, hat sich aber noch nicht durchgesetzt.

Sexuelle Orientierung: Sie bezieht sich auf das Geschlecht, also männlich oder weiblich und es gibt Heterosexualität, Bisexualität und Homosexualität.
Sexuelle Ausrichtung: Sie bezieht sich auf das Alter der bevorzugten Sexualpartner und es wird unterschieden nach Interesse am kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Körper.
Sexuelle Neigung: Sie bezieht sich auf die Sexualpraktiken, also die Art und Weise, wie jemand seine Sexualität auslebt oder ausleben möchte. Die Bandbreite der sexuellen Neigungen ist groß und kann zum Beispiel Sadismus, Masochismus, Voyeurismus, Exhibitionismus oder Fetischismus umfassen.

Die Diskussion hat auch eine gesellschaftliche und politische Dimension. So greifen einerseits pädophilenfreundliche Personen und Betroffene gerne aus verschiedenen Gründen zur Bezeichnung „Sexuelle Orientierung“. Dies ist einer von mehreren völlig verschiedenen Gründen, den Begriff „Pädosexualität“ zu verwenden, weil er sich in das Schema der hier bestehenden Begriffe besser einpasst. Sie wollen unter anderem damit ausdrücken, dass es unveränderbar ist, sich auf verschiedene Gefühlsebenen erstreckt und nicht unbedingt eine sexuelle Handlung bedingt. Zudem wollen manche die Errungenschaften der Lesben- und Schwulenbewegung für sich nutzen. Andererseits greifen gerne Kritiker der Gleichstellung Homosexueller (Bisexualität wird hier mit eingeschlossen) und von Antidiskriminierungsregelungen auf diese Formulierung zurück und betrachten diese unter dem gleichen Aspekt. Manche bezweifeln auch generell die Existenz einer sexuellen Orientierung. Oft wird wegen der sehr unscharf verwendeten Begriffe auch Ephebophilie (Päderastie) oder Parthenophilie – wo Jugendliche von Interesse sind – mit eingeschlossen. Gerontophilie – wo wesentlich Ältere von Interesse sind – wird aber von Konservativen dabei meist nicht erwähnt.

Dies hat aber letztendlich in absehbarer Zukunft keinen direkten Einfluss auf eine direkte Straffreistellung oder einen möglichen Versuch, diese durch eine Klage nach einem Antidiskriminierungsgesetz zu erwirken. (→ Rechtliche Aspekte)

Andere Begriffe

Von der sexuellen Orientierung unterscheiden sich die folgenden Begrifflichkeiten:

Intersexualität oder Intergeschlechtlichkeit – nicht eindeutig weibliche oder männliche Geschlechtsmerkmale
Transgender – andersgeschlechtliche oder geschlechtsneutrale Geschlechtsidentität
Transsexualität oder Transgeschlechtlichkeit – gegengeschlechtliche Geschlechtsidentität
Transvestitismus – Tragen der Bekleidung des anderen Geschlechts

Grenzziehung zwischen den Kategorien

Verschiedene Forscher haben verschiedene Definitionen benutzt.

(...)

Jede Grenzziehung ist künstlich und willkürlich und muss auch so verstanden werden. Alfred Charles Kinsey sah die nach ihm benannte Skala als Darstellung eines Kontinuums an, was auch durch die schräge Linie zwischen den Endpunkten verdeutlicht werden soll. Er war auch der erste, welcher statistische Erhebungen im größeren Umfang durchgeführt und nach psychischen wie physischen Erfahrungen eingeteilt hat. Andere verwenden Selbstidentifikationen als Kriterium (wobei dann auch die Möglichkeit der Unsicherheit bedacht werden sollte), und wieder andere nur die Anzahl sexueller Handlungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Das folgende Zitat stammt aus dem Kinsey-Report über das Sexualverhalten des Mannes aus dem Jahre 1948 und stellt eine Kritik an einer zu strikten Kategorisierung dar:

„Man kann die Welt nicht in Schafe und Ziegen einteilen. Nicht alle Dinge sind schwarz oder weiß. Es ist ein Grundsatz der Taxonomie, dass die Natur selten getrennte Kategorien aufweist. Nur der menschliche Geist führt Kategorien ein und versucht, die Tatsachen in getrennte Fächer einzuordnen. Die lebendige Welt ist ein Kontinuum in all ihren Aspekten. Je eher wir uns dessen in Bezug auf menschliches Sexualverhalten bewusst werden, um so eher werden wir zu einem wirklichen Verständnis der Realitäten gelangen.“
– Alfred C. Kinsey: 1948[11]

Besonders im Zuge der HIV- und AIDS-Forschung wurden Probleme durch die Verwendung der Begriffe deutlich. Einerseits bei den Fragebögen, da sich nicht alle, welche gleichgeschlechtlichen Sex hatten, auch als bisexuell oder homosexuell identifizierten und andererseits führten die Denkschablonen heterosexuell, homosexuell und bisexuell zu falschen Schlüssen bezüglich des Infektionsrisikos. Um diese Probleme zu vermeiden und da die sexuelle Identität für die Epidemiologie nur zweitrangige Bedeutung hat, formulierte man teilweise die Fragebögen um, indem man die oft als wertend und ideologisch aufgeladenen Begriffe durch neutrale Fragen nach dem Verhalten ersetzte und führte die Begriffe Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) und Frauen, die Sex mit Frauen haben (FSF, WSW) ein.

Bisexualität

Je nach Methode und deren Verwendung gibt es unterschiedliche Kriterien für diese Kategorie. Durch die multidimensionale Betrachtungsweise hat sich auch die Auffassung von Bisexualität verändert, ist aber noch immer sehr unterschiedlich. Früher wurde sie sowohl bei Laien, als auch in der wissenschaftlichen Literatur als eine Durchgangsphase gesehen oder als eine Verleugnung der eigenen Homosexualität betrachtet.[12][13] Heute gilt sie als eigene sexuelle Orientierung.[14] Betrachtet man bisexuelle Männer und Frauen, ist die Richtung der sexuellen Empfindungen in jüngeren Jahren weniger prädikativ für die spätere sexuelle Orientierung im Gegensatz zu hetero- oder homosexuellen Männern und Frauen.[15]

Fritz Klein definierte verschiedene Arten von Bisexualität und konzentrierte sich dabei vor allem auf das Erleben:

transitionale (als Übergangsphase zur Homo- oder Heterosexualität)
historische (als vergangene sexuelle Orientierung)
sequentielle (Phasen mit ausschließlich heterosexuellen Beziehungen weichen Phasen mit ausschließlich homosexuellen Beziehungen)
gleichzeitige (homo- und heterosexuelle Beziehungen werden parallel geführt)

M. W. Ross führt noch weitere Kategorisierungen von Bisexualität ein und bezog somit auch das Verhalten mehr ein:

abwehrende (um Homosexualität abzuschwächen oder zu verheimlichen)
verheiratete (wenn jede und jeder in einer Gesellschaft heiraten muss)
rituelle (wenn homo- und heterosexuelle Beziehungen kulturelle Normen sind)
equal (wenn die sexuelle Orientierung bedeutungslos ist, weil das Geschlecht keine Rolle in der Sexualität spielt, nahestehend zur Pansexualität)
latino (wenn die sexuelle Rollenaufteilung beim Analverkehr strikt ist)
experimentelle (nur wenige homosexuelle Kontakte)
sekundäre (wenn keine heterosexuellen Möglichkeiten da sind, etwa im Gefängnis)
technische (wenn etwa lesbische Frauen sich Männern prostituieren)

In der alltäglichen Verwendung des Begriffs und in der Selbstidentifikation bewegt es sich zwischen jedem, der sich mit beiden Geschlechtern Sex vorstellen kann und jenen, die vollinhaltliche Beziehungen mit beiden Geschlechtern leben wollen. Letztere bezeichnen sich öfter und dauerhafter als bisexuell. Im Englischen gibt es für Menschen, die sich nicht als bisexuell identifizieren, aber ein gewisses Interesse an einer Beziehung oder sexueller Aktivität fühlen oder zeigen, den Begriff bi-curious (dt. ‚bi-neugierig‘), auch bicurious geschrieben. Der Begriff impliziert zwar, dass man keine oder nur wenig sexuelle Erfahrung hat, wird aber öfters auch später in der Selbstbeschreibung weiterverwendet, wenn man sich durch die anderen Begriffe nicht adäquat beschrieben fühlt.

In Untersuchungen werden auch mehr als zufällige Bisexuelle oft der Gruppe der Homosexuellen zugeschlagen, primär wegen der meist kleinen Samplinggröße. Und trotz der Anmerkung Kinseys aus dem Jahre 1948 und der geänderten Auffassung stellte Sell noch 1997 die dominante Forschungsperspektive fest, die Menschen als 100 % heterosexuell oder 100 % homosexuell klassifiziert. Dies zeigt sich bis heute in der Mainstream-Meinung der westlichen Kultur.[16] Im Prinzip findet sich dies auch in einer bestimmten Sichtweise wieder, die nur heterosexuelle Menschen und heterosexuelle Menschen mit einem homosexuellen Problem wahrnehmen.[17] In einer aktuellen Untersuchung hat sich die Soziologin Kim Ritter mit den spezifischen Diskriminierungserfahrungen bisexueller Menschen befasst. Diese würden nicht einfach durch Homophobie abgedeckt, sondern trügen darüber hinausgehende Diskriminierungs-Elemente.[13]

Fluidität der sexuellen Orientierung in der Adoleszenz

Mehrere Studien haben gezeigt, dass besonders Jugendliche und junge Erwachsene von einer gewissen sexuellen Fluidität berichten. Das heißt, sie wollen oder können sich (zunächst) nicht festlegen, welches Geschlecht sie anziehend finden, mit welcher Sexualität sie sich identifizieren oder mit welchem Geschlecht sie sexuelle Handlungen ausüben wollen.

Fluidität sexueller Handlungen

Studien zeigen, dass sexuelle Handlungen in geringer Intensität (etwa Küssen) bei Jugendlichen beiden Geschlechtes relativ häufig stattfinden. Es gibt widersprüchliche Befunde zu den Geschlechterunterschieden in der sexuellen Fluidität. Viele (vor allem) ältere Studien fanden, dass Mädchen häufiger von fluiden Anziehungen berichteten als Jungs. Diese Befunde konnten jedoch nicht immer gefunden werden[18].

Stabilität einer nicht-heterosexuellen Identität

In einigen Studien wird untersucht, inwieweit Personen, die sich zunächst als nicht-heterosexuell bezeichneten, ihre sexuelle Orientierung im Laufe der Zeit änderten. Diese Studien bezogen sich auf Jugendliche und junge Erwachsene. Es zeigte sich, dass ca. die Hälfte aller nicht-heterosexuellen Personen ihre Angabe nach einigen Jahren änderten.[19] Allerdings ist dabei zu beachten, dass Personen selten von einer nicht-heterosexuellen Identität zu einer heterosexuellen Identität wechselten. Es kann eher beobachtet werden, dass von einer Bisexualität oder Unentschlossenheit zu einer Homosexualität gewechselt wird[20].

Mögliche Gründe für die sexuelle Umorientierung

Bei Längsschnittstudien oder generell ältere Studien kann es zu einem Effekt durch die Veränderung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität kommen
Für manche Personen war die Bisexualität ein Übergang zur Homosexualität
Es gibt eine Phase der sexuellen Infragestellung, des Experimentierens, bevor Personen sich ihrer sexuellen Identität bewusst werden[21]
Konflikte mit dem sozialen Umfeld oder sozialen Rolle müssen ausgetragen werden

Kategorisierungsmodelle – Grunddimensionen

Häufig werden nur von der Masse abweichende (bisexuelle, homosexuelle) Kriterien definiert. Will man eine Häufigkeit sexueller Orientierungen erfassen oder Eigenschaften bestimmten Kategorien zuschreiben, spielen neben den Modellen auch viele andere Faktoren wie Art der Fragestellung und demographische Aspekte eine entscheidende Rolle.

Selbstidentifikation

Die Frage nach der Selbstidentifikation der Probanden ist die einfachste Methode, um Informationen über die sexuelle Orientierung zu erhalten. Für viele Zwecke, wie beispielsweise im alltäglichen Marketing, ist sie ausreichend, für genauere soziologische und psychologische Untersuchungen jedoch nicht. Neben den Begriffen hetero-/bi-/homosexuell bietet sich hier auch die Kombination hetero-/bisexuell/schwul/lesbisch an, da diese Begriffe meist als Selbstidentifikation benutzt werden, wobei allerdings manche ältere Jahrgänge sich nicht als schwul oder lesbisch sehen. Manchmal werden auch weitere Begriffe aufgenommen. Zusätzlich geht man öfters, insbesondere bei jungen Menschen - aber nicht nur – darauf ein, dass sie sich nicht sicher sind. Manchmal geht man darauf ein, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung lieber verschweigen oder solche Kategorisierungen generell ablehnen. Bei Befragungen nach der Selbstbezeichnung können auch Kombinationen der Begriffe vorkommen.

Mögliche Begriffe:[22][23]

homosexuell; schwul; lesbisch; gay; homo; verzaubert; warm
bisexuell; bi; ambisexuell; pansexuell
queer
heterosexuell
unsicher; ist mir derzeit nicht klar
asexuell
ich lehne solche Definitionen ab
möchte ich nicht sagen

Bei Fragen nach der Selbstidentifikation kommt es gegenüber Fragen nach dem sexuellen Verhalten und dem sexuellen Erleben zu den niedrigsten Prozentsätzen. Dies trifft vor allem auf Jugendliche zu, da die Selbstidentifikation als homo- oder bisexuell fast gesetzartig erst einige Jahre nach dem gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten und der gleichgeschlechtlichen Anziehung stattfindet. In einer amerikanischen Untersuchung (Remafedi 1992) bezeichneten sich von den Jugendlichen, die sich sexuell vorwiegend zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, nur 5 % selbst als homosexuell. In manchen Kulturen gibt es auch keine oder andere Begriffe für die sexuelle Orientierung, sodass eine Selbstkategorisierung als homo- oder heterosexuell nicht möglich ist.[15]

Manchmal werden an die Kinsey-Skala angelehnte fünf- oder siebenstufige Likert-Skalen verwendet, um sich zwischen 1 („exklusives sexuelles Interesse am anderen Geschlecht“) und 5 („exklusives sexuelles Interesse am eigenen Geschlecht“) einzuordnen. Wenn drei Gruppen benötigt werden, werden die Gruppen 1 und 2 zu Heterosexuellen und die Gruppen 4 und 5 zu Homosexuellen zusammengefasst.[24] Magnus Hirschfeld gab bei einer der ersten Befragungen im Jahre 1904 auf einer Karte „M“, „W“ und „M + W“ vor.[25] Einigen Befragten war die Dreiteilung zu wenig differenziert. Bei der „bisexuellen“ Option wurde von ihnen „ohne daß danach gefragt worden war, das W. oder das M. durch zwei oder mehrere Striche stärker hervorgehoben.“ Bei der nächsten Umfrage verwendete er ein fünffach gegliedertes System.[26]

[1 = exklusiv sexuelles Interesse am anderen Geschlecht; 5 = exklusiv sexuelles Interesse am gleichen Geschlecht ]

Auf Asexuelle wird bei solchen Fragen fast nie eingegangen.

Oft wird diese Dimension als „sexuelle Identität“ bezeichnet, was man als vereinfachende Zusammenfassung ansehen, die aber zu Verwirrung führen kann. Die sexuelle Orientierung ist nur eine von mehreren Dimensionen der spezifischen sexuellen Identität. International kommt es mit der sexual identity ebenso zu Verwirrungen, spezifischer kann man diese Dimension als sexual orientation identity bezeichnen.

Sexualverhalten

Hierbei werden Fragen nach dem Sexualverhalten in einem bestimmten Zeitraum verwendet, wobei folgende zeitliche Eingrenzungen üblich sind:

im gesamten Leben (Als alleinige Frage ist unklar ob auch präpubertäre Erlebnisse gemeint sind. Viele solcher Erlebnisse sind später vergessen oder der Befragte bezieht sie oft nicht ein.)
präpubertär (wird selten gefragt, da meist nicht relevant)
seit der Pubertät; seit Beginn der Pubertät; seit dem 12., 13., 14., 15., 16. Lebensjahr
zwischen Pubertät und Erwachsenenalter
als Erwachsener; im Erwachsenenalter; seit dem 18. Lebensjahr; seit dem 21. Lebensjahr (Zeitpunkte der Volljährigkeit)
innerhalb der letzten fünf Jahre
innerhalb des letzten Jahres; innerhalb der letzten 12 Monate

Gebhard definiert homosexuelles Verhalten als physischen „Kontakt zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts, dessen sexuelle Natur von beiden erkannt wird und der normalerweise in sexueller Erregung endet.“[27] Da die sexuelle Natur des Kontaktes erkannt werden muss, ist auch dies nicht nur eine Verhaltens-, sondern auch eine Erlebnisdimension. Kinsey und andere fragten ganz gezielt einzelne Sexualpraktiken und die Anzahl der Orgasmen dabei ab. Heute wird oft gefragt: „Hatten Sie im letzten Jahr Sexualkontakte mit a.) einer Frau b.) mit einem Mann.“ Was als Sexualkontakt zählt, wird dabei meist der befragten Person überlassen. Die Art der Sexualpraktiken ist auch kulturell bedingt und zeitlich variabel (etwa Telefonsex, Chatrooms). Manches wird möglicherweise in einer Kultur als Sexualpraktik eingestuft, in einer anderen jedoch nicht. Manches ist eher eindeutig als Sexualkontakt einzustufen (etwa Vaginalverkehr, Oralverkehr), anderes ist von der sozialen Konstruktion des Begriffs Sexualität abhängig (etwa Küssen, Streicheln, Händchen halten). Es ist anzunehmen, dass es eine gewisse Deckung gibt zwischen dem was Sexualforscher im konkreten Fall meinen und dem was die befragten Personen darunter verstehen, dies ist aber nicht empirisch bewiesen.[15]

Die ausschließliche Verwendung der Verhaltensdimension hat auch bei der Unterscheidung zwischen den Kategorien viele Nachteile. So wird jeder als homo- oder bisexuell eingestuft, der einen gleichgeschlechtlichen Sexualkontakt hatte, auch wenn er bei näherer Betrachtung intuitiv als heterosexuell eingestuft werden würde. Dies ist besonders häufig im Jugendalter der Fall, obwohl später eine stabile heterosexuelle Identität und Erlebensweise entwickelt wird. Auch gibt es situationsgebundene gleichgeschlechtliche Sexualkontakte, etwa in einem Gefängnis. Auch sexuelle Gewalt in Männergefängnissen stellt die Validität der Verhaltensdimension in Frage, da bei den Tätern eher Macht- und Kontrollbedürfnisse eine Rolle spielen und kaum (homo)sexuelle Bedürfnisse. Umgekehrt würde jemand als heterosexuell eingestuft werden, der zufälligerweise einen gegengeschlechtlichen Sexualkontakt hatte, sich aber sonst als homosexuell empfindet. Personen, die im abgefragten Zeitraum gar keinen Sexualkontakt hatten, werden überhaupt nicht erfasst, auch wenn sie eindeutige Empfindungen haben und vielleicht auf der Suche nach einem Partner sind. Besonders Jugendliche sind sich häufig schon ihrer sexuellen Orientierung bewusst, ohne dass sie je gleichgeschlechtliche Sexualkontakte hatten. Manchmal werden auch jene ohne Sexualkontakt den Heterosexuellen zugeordnet und nicht extra ausgewiesen.[15]

Personen werden in dieser Dimension seit den 1990ern präziser auch als Männer, die Sex mit Männern haben oder Frauen, die Sex mit Frauen haben beschrieben.

International bezeichnet man diese Dimension als „sexual behavior“.
Erleben/Anziehung

In psychologischen Untersuchungen werden neben dem Verhaltensaspekt auch kognitive und/oder emotionelle Aspekte berücksichtigt. Dies sind etwa Phantasien, romantische Gefühle/Gedanken, Gefühle sexueller Anziehungskraft oder Verliebtheitsgefühle. Man erhält verschiedene Prozentsätze des Vorkommens dieser verschiedenen Konstrukte und innerhalb dieser wieder Unterschiede je nach Geschlecht und Alter. Nach Gebhard könnte homosexuelles Empfinden „definiert werden als das Verlangen für einen solchen physischen Kontakt und/oder bewusste sexuelle Erregung beim Denken an oder Sehen von Personen gleichen Geschlechts.“[27] Plöderl schlägt folgende Definition vor: „Homosexuelles Erleben einer Person x liegt vor, wenn die Person x zumindest eine Person gleichen Geschlechts mental repräsentiert, und wenn diese Repräsentation entweder mit sexueller Erregung oder romantischen- oder Verliebtheitsgefühlen einhergehen oder dazu führen.“[15] Die Frage kann auch wie beim Sexualverhalten durch Zeitraumeingrenzungen genauer spezifiziert werden.

Die Einbeziehung oder exklusive Verwendung der Erlebnisdimension hat folgende Aspekte:[15]

Homosexuelle Gedanken und Gefühle sind im Schnitt in allen Studien vor dem sexuellen Verhalten und mehrere Jahre vor der Selbstidentifikation präsent.
Die Erlebnisdimension ist in der Entwicklung zeitlich stabiler als die Verhaltens- oder Identitätsdimension.
Man kann zeit- und kulturabhängige Begriffe der Selbstidentifikation vermeiden.
Erlebnisaspekte von Homosexualität werden in Untersuchungen eher angegeben als Selbstidentifikation.
Jugendliche verweigern am wenigsten Fragen zum Sexualverhalten, jedoch geben viele Jugendliche an, noch keine Sexualkontakte gehabt zu haben.
Es transportiert die interkulturelle Essenz des Phänomens Homosexualität.
Sie lässt offen, ob Homosexualität nun wesenhaft ist oder nicht.
negativ: Kulturelle und biologische Einflüsse werden weniger beachtet.

International spricht man von „sexual attraction“.
Kategorisierungsmodelle – Multidimensional
Eindimensionale vs. multidimensionale Kategorisierung

Sell kritisierte 1996 eindimensionale Kategorisierungen und schlug vor, alle drei Dimensionen getrennt zu erfassen, da sie voneinander unabhängig seien. Sie entwickelte dazu ein eigenes Instrument, das alle Ausprägungen in allen Dimensionen erfasst. Außerdem ist eine Übersetzung in die häufig verwendete Kinsey-Skala möglich.[15]

Für manche Anwendungen ist die Verwendung von getrennten Dimensionen auch unumgänglich, besonders wenn die untersuchten abhängigen Variablen damit zusammenhängen. So zeigte etwa eine Studie von Remafedi 1991 bezüglich der Suizidversuchsrate von Jugendlichen, dass jene, die sich als homosexuell bezeichnen, eine höhere Rate hatten als jene, die sich homosexuell betätigen, aber nicht so bezeichnen. Der Wissensstand hierzu ist jedoch widersprüchlich.[15]

Für Erwachsene ist die Korrelation der Erlebnis-, Verhaltens- und Identifikationsdimension relativ hoch. Nach Ansicht Plöderls ist die Wahl der Dimension vor allem bei der Klassifikation von strittigen Fällen und bei der Untersuchung von Jugendlichen entscheidend.[15] Die hohe Korrelation ist meist über die Hälfte, jedoch bestehen in verschiedenen Untersuchungen Unterschiede bis zu 20 %.

Kinsey-Skala

Die Kinsey-Skala wurde 1948 eingeführt und ist die berühmteste Einteilung. Sie versteht sich als bipolares Hilfsmittel, Menschen zwischen den Extremen Homosexualität und Heterosexualität einzusortieren. Ausschlaggebend sind dafür sowohl sexuelle Handlungen als auch psychische Erfahrungen. Einige Wissenschaftler lassen heute die Einbeziehung beider Aspekte beiseite. Kinsey selbst stellte viele sehr konkrete Fragen, beim Sexualverhalten auch zu den einzelnen Sexualpraktiken und ob man dabei einen Orgasmus erlebte.

Shively und DeCecco Scale

Michael. G. Shively und John P. DeCecco führten 1977 bei ihrer Beschreibung der sexuellen Identität zwei fünfteilige Doppelskalen für die Beschreibung der sexuellen Orientierung und des Verhaltens ein. (Shively and DeCecco Scale (SDS), zweidimensional, unipolar) Sexuelle Identität teilten sie ein in a.) biologisches Geschlecht; b.) Geschlechtsidentität; c.) Geschlechtsausdruck; d.) Sexuelle Orientierung; e.) Sexuelles Verhalten. Sie maßen somit physische (physical preference, sexual attraction) und emotionelle (affectional preference, emotional attraction) Anziehung getrennt. Zusätzlich verwendeten sie für beide Präferenzen getrennte fünfstufige Skalen für Heterosexualität und Homosexualität.[28] Wer überall den niedrigsten Wert hat ist asexuell, wer überall den höchsten Wert hat ist bisexuell. Interessant ist es vor allem auch um Veränderungen der Orientierung zu beurteilen, da eine Abnahme homosexueller Anziehung nicht die gleichzeitige Zunahme heterosexueller Anziehung verursacht. Manche Wissenschaftler legen physische und emotionelle Anziehung zusammen.

Klein Sexual Orientation Grid

Der US-amerikanische Therapeut Fritz Klein schrieb vor allem zum Thema Bisexualität. Er griff verschiedene Anregungen Kinseys auf und konstruierte ein „Raster der sexuellen Orientierung“ (Klein Sexual Orientation Grid, KSOG), welches 1985 veröffentlicht wurde. In diesem werden sieben bipolare Variablen in drei Dimensionen aufgeschlüsselt. Unterschieden wird zwischen dem was vor über einem Jahr war als Vergangenheit, dem wie es im letzten Jahr war und der Idealvorstellung, wie man es sich wünschen würde. In jedes dieser 21 Felder wird eine an die Kinsey-Skala angelehnte Zahl von 1 bis 7 eingetragen (entspricht bei Kinsey 0–6). Das vollständig ausgefüllte Raster gibt ein sehr individuelles Bild, welches sich auch in größeren Gruppen (beispielsweise Vorlesungsteilnehmer) kaum jemals exakt wiederholt.[29] Und trotzdem ist es bestenfalls ein simpler Behelf die Komplexität dessen zu erfassen, was man heute unter Sexueller Orientierung versteht. Auf Asexualität wird dabei nicht eingegangen.

Für die Variablen A–E sind folgende Werte vorgesehen: 1/7 – nur das andere/eigene Geschlecht; 2/6 – meistens das andere/eigene Geschlecht; 3/5 – einigermaßen das andere/eigene Geschlecht; 4 – beide Geschlechter gleich.
Für die Variablen F und G sind folgende Werte vorgesehen: 1/7 – nur heterosexuell/homosexuell; 2/6 – meistens heterosexuell/homosexuell; 3/5 – mehr heterosexuell/homosexuell; 4 – hetero/homosexuell gleich.

Emotionale Vorliebe bedeutet etwa, in wen man sich verliebt. Soziale Vorliebe beschreibt, mit wem man gerne zusammen ist. Lebensstil beschreibt bei Klein, in welchem sozialen Umfeld man sich bewegt, welche sexuelle Identität die Freunde und Bekannten haben.

Multidimensional Scale of Sexuality

Berkey, Perelman-Hall und Kurdek entwickelten 1990 die Multidimensional Scale of Sexuality (MSS) mit 45 Fragen.[30] Jede der Fragen wird dahingehend beantwortet ob sie für einen selbst wahr oder falsch ist. Es werden fünf Aspekte der sexuellen Orientierung berücksichtigt:

Sexuelles Verhalten (sexual behaviour)
Sexuelle Anziehung (sexual attraction)
Erregung bei erotischem Material (arousal to erotic material)
Emotionelle Faktoren (emotional factors)
Sexuelle Träume und Fantasien (sexual dreams and fantasies)

Für jeden dieser fünf Aspekte wurden je neun Fragen entwickelt, welche jeweils folgende Kategorien abdecken sollen:

heterosexuell
heterosexuell mit etwas Homosexualität
gleichzeitig bisexuell (concurrent bisexual)
sequentiell bisexuell (sequential bisexual)
homosexuell mit etwas Heterosexualität
früher heterosexuell jetzt homosexuell
homosexuell
früher homosexuell jetzt heterosexuell
asexuell

Die Frage 1,6 lautet beispielsweise: „In der Vergangenheit hatte ich sexuelle Kontakte mit Mitgliedern des anderen Geschlechts, aber heute habe ich nur sexuelle Kontakte mit Mitgliedern meines eigenen Geschlechts.“ („In the past I have engaged in sexual activity with members of the opposite sex, but currently I engage in sexual activity only with members of my same sex“) Aus den Antworten zu den fünf Fragen pro Kategorie werden zwei Subscores gebildet, einer für den Verhaltensaspekt (je eine Frage) und einer für den wahrnehmungs-/gefühlsbezogenen-Aspekt (cognitive/affective score, die verbleibenden vier Fragen). Zusätzlich kann sich jede Versuchsperson einer von neun Kategorien zuordnen, welche mit einer Beschreibung versehenen sind. Der MSS liefert somit ein Profil von 19 Werten, welches sowohl einen zeitlichen Aspekt berücksichtigt, als auch differenzierter auf Bisexualität und Asexualität eingeht als viele andere Tests.

„Inwieweit ihre Art der Scorebildung sinnvoll ist, wäre allerdings zu diskutieren, vor allem vor dem Hintergrund, dass es sich bei Klein et al. (1985) als sinnvoll erwiesen hat, die cognitive/affective scores nicht zusammenzufassen, und sich darüber hinaus die neun Kategorien zumindest dem Augenschein nach als distinkt erweisen könnten und damit eine Informationsreduktion an ganz anderer Stelle möglich und sinnvoll wäre.“
– Tilman Eckloff: 2003[31]

Historische Aspekte

Der Gedanke einer sexuellen Orientierung existierte vor dem 19. Jahrhundert noch nicht; heterosexueller Vaginalverkehr galt als allgemeine Normalität. Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren unbedingt als asexuell und als nicht zu romantisch anzusehen. Unter anderem führte dies auch dazu, dass etwa Karl Heinrich Ulrichs oder Magnus Hirschfeld Konzepte „sexueller Zwischenstufen“ zwischen Mann und Frau entwickelten, da Liebe zum gleichen Geschlecht eine Unmöglichkeit darstellte. Andere Formen von Sexualverkehr wurden ebenfalls als ein allgemein verbreitetes Laster angesehen, also nicht als etwas, das nur bestimmte Personengruppen betraf. So wurde, und wird manchmal noch heute, der Begriff der „sexuellen Neigung“ verwendet, der viel weiter definiert ist.

Ab dem 19. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde häufiger der Begriff „sexuelle Veranlagung“ gebraucht. Daran war von verschiedenen Seiten die Kritik erhoben worden, dass damit implizit eine Vererblichkeit und eine Unabänderlichkeit behauptet würde, für die es keine Belege gebe. Im Jahre 2008 ist durch eine britisch/schwedische Zwillingsstudie widerlegt worden, dass sexuelle Orientierung vollkommen durch die Gene vorausbestimmt wird.[32] Da das menschliche Genom aber keineswegs festzustehen scheint, sondern sich immer wieder verändert, ist ein Deuten der Studie nicht ohne Schwierigkeiten möglich.[33]

Der Begriff „sexuelle Orientierung“ trägt dem Umstand Rechnung, dass es im Laufe des Lebens Veränderungen der sexuellen Orientierung geben kann.

In vielen nicht-westlichen Kulturen hat sich der Gedanke einer sexuellen Orientierung erst in den letzten Jahrzehnten verbreitet. Doch wurden in einigen Kulturen gleichgeschlechtliche Beziehungen und gleichgeschlechtliche Sexualität als nicht unbedingt verwerflich, gleichgeschlechtliche Liebe nicht als unmöglich angesehen oder es gab die soziale Rolle eines dritten Geschlechts, bestimmte Funktionen wie Medizinmänner und ähnliches, in die man sich eventuell einfügen konnte. Teilweise gibt es solche Kulturen noch immer. In anderen Kulturen wurden solche Ansichten durch Kolonialisierung und Christianisierung oder später auch Islamisierung verdrängt, teilweise gewaltsam bekämpft und oft wurden auch die – teilweise bis zum heutigen Tag geltenden – Gesetze gegen Homosexualität der Kolonialmächte eingeführt.

Die sexuelle Orientierung ist Gegenstand von Erklärungen und Resolutionen der Vereinten Nationen über die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität.

Rechtliche Aspekte

Der Begriff hat inzwischen auch Eingang in die Rechtssprache gefunden. Artikel 2 Absatz 3 der Landesverfassung von Thüringen verbietet die Bevorzugung und die Benachteiligung von Personen wegen ihrer sexuellen Orientierung. Dies stellt einen Teilaspekt der zunehmenden Anerkennung des Rechts auf sexueller Selbstbestimmung dar.

Ein Verbot der Diskriminierung wegen der „sexuellen Identität“ findet sich in den Landesverfassungen von Berlin, Brandenburg und Bremen. „Sexuelle Identität“ soll jedoch im Gegensatz zu „sexueller Orientierung“ auch Transsexuelle und Transgender mit einschließen; dies ist aber umstritten, da es sich bei Transgendern gerade nicht primär oder unbedingt um eine Frage der Sexualität oder Partnerschaft handelt.

Das Recht der Europäischen Gemeinschaft verwendet an einigen Stellen den Begriff „sexuelle Ausrichtung“, der mit „sexueller Orientierung“ identisch sein dürfte, etwa in der Grundrechtecharta (Art. 21 Absatz 1; Verbot der Diskriminierung) und in der Richtlinie 2000/78/EG des Rates zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf, die neben anderen Diskriminierungen solche wegen der „sexuellen Ausrichtung“ bekämpfen soll.

Sowohl in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, F65.4) als auch im einflussreichen amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV, 302.2) wird Pädophilie als psychische Störung aufgeführt. Daraus entstehende Handlungen werden mehrheitlich als dissexuell angesehen und werden deshalb strafrechtlich geahndet. Deshalb ist Pädophilie bei allen Antidiskriminierungsbestimmungen bezüglich sexueller Orientierung (oder verwendeter Synonyme) und sexueller Identität immer ausgenommen, egal ob sie als eigene Orientierung, als sexuelle Ausrichtung nach Ahlers et al. oder als sexuelle Präferenz betrachtet wird.

Psychologische Aspekte

Es ist bisher noch nicht abschließend geklärt, wann und wie die sexuelle Orientierung eines Menschen festgelegt wird. Nach herrschender Meinung gilt jedoch als gesichert, dass die sexuelle Orientierung, nachdem sie sich gebildet hat, weitgehend unveränderlich feststeht, auch wenn im Umfeld religiöser Minderheiten gelegentlich eine abweichende Mindermeinung vertreten wird (vergleiche auch Ex-Gay-Bewegung).

Weiterhin wird als gesichert angenommen, dass die sexuelle Orientierung sich bereits sehr früh im Leben herausbildet. Es gibt starke Indizien, die auf genetische Komponenten der sexuellen Orientierung hindeuten (vergleiche auch Hauptartikel Homosexualität). Bisher unbelegt sind Hypothesen, dass die Hormonversorgung während der Schwangerschaft eine Rolle spielen könnte.

Keine Belege fanden sich bisher für die Behauptung, die sexuelle Orientierung würde durch die Erziehung oder durch Verführungserlebnisse in Kindheit oder Pubertät beeinflusst.

Einen integrativen Ansatz zur wissenschaftlichen Klärung der Entstehung von sexueller Orientierung lieferte Daryl Bem mit der „Exotic-Becomes-Erotic“-Theorie.
Ursachen für die Entstehung von nicht heterosexuellem Verhalten

Bis jetzt sind noch keine endgültigen und genauen Ursachen für die Entstehung von nicht heterosexuellen Verhalten identifiziert. Trotzdem gibt es einige Evidenzen für Einflüsse, die eine Rolle bei der Entwicklung davon spielen. Generell geht man momentan davon aus, dass es ein komplexes Zusammenspiel von biologischen als auch umweltbedingten/ sozialen Faktoren ist. Wobei den biologischen Faktoren eine größere Rolle zugedacht wird als den sozialen.

Biologische Einflussfaktoren

Es gibt viele Befunde, die die Wichtigkeit von biologischen Einflussfaktoren auf die Entwicklung der sexuellen Orientierung betonen. Dabei geht man von drei hauptsächlichen Einflussfaktoren auf die Entwicklung der sexuellen Orientierung aus, nämlich:

Gene/ Erblichkeit
Gehirnentwicklung
(pränatale) Hormone und chemische Substanzen

Es gibt wohl nicht den einen Faktor, der die sexuelle Orientierung eines Menschen bestimmt, sondern sie entwickelt sich durch ein komplexes Zusammenspiel dieser biologischen Einflüsse gemeinsam mit umweltbedingten Faktoren[34].

Allerdings gibt es mehr Evidenzen für die Unterstützung einer biologischen Ursachenhypothese, als für soziale Ursachen.

Gene

Zwillings- und Familienstudien haben gezeigt, dass es in manchen Familien Häufungen von Homosexualität gibt. Dies wirft die Frage auf, ob sexuelle Orientierung erblich ist.

In diesem Zusammenhang kann man auf eine Studie von 2019 verweisen, bei der eine genomweite Assoziationsstudie (ist ein bestimmtes Gen mit einem bestimmten Trait assoziiert?) durchgeführt wurde, dabei wurde die DNA und das sexuelle Verhalten von ca. 500.000 Menschen untersucht.

Die Forscher fanden fünf genetische Marker die mit gleichgeschlechtlichem sexuellem Verhalten assoziiert waren. Allerdings kann man nun nicht sagen, dass ein einziges Gen für die sexuelle Orientierung verantwortlich ist, vielmehr sind es tausende verschiedene[35].
Strukturelle und funktionelle Unterschiede im Gehirn

Verschiedene Forscher haben herausgefunden, dass Unterschiede im Gehirn Einfluss auf die sexuelle Orientierung der Menschen haben. Diese Unterschiede bilden sich bereits in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft aus.

Levay und Kollegen fanden bspw. geschlechtsspezifisch unterschiedliche Strukturen in der medialen präoptischen Region (im anterioren Hypothalamus), im INAH3. Diese Region ist bei Männern ca. dreimal so groß, wie bei Frauen. Es stellte sich heraus, dass dieser Kern bei homosexuellen Männern auch sehr viel kleiner war als bei heterosexuellen oder ganz fehlte[36].

Auch bezüglich der Aktivität des Gehirns können sich homosexuelle und heterosexuelle Menschen unterscheiden. So sind der Thalamus und Präfrontalkortex bei heterosexuellen Männern und homosexuellen Frauen stärker aktiviert, wenn sie ein weibliches Gesicht sehen. Bei homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen sind diese Regionen stärker aktiviert, wenn sie ein männliches Gesicht sehen[37].

Hormone & chemische Substanzen

Bei der Entwicklung der sexuellen Orientierung spielen Hormone und chemische Substanzen eine wichtige Rolle und zwar bereits im Mutterleib. Vor allem Pheromone und Testosteron beeinflussen die Entwicklung.

Pheromone beeinflussen allgemein das Sexualverhalten. In Studien wurde gefunden, dass männliche Pheromone die Hypothalamus-Aktivität heterosexueller Frauen, als auch die homosexueller Männer stimulieren. Bei heterosexuellen Männer rufen diese männlichen Pheromone jedoch keine Reaktion hervor. Dazu sei gesagt, dass der Hypothalamus mit Instinktverhalten und Sexualfunktionen assoziiert ist[38].

Ein weiterer Befund ist, dass Mädchen, die im Mutterleib einen hohen Testosteronspiegel aufweisen (etwa aufgrund der Nebennierenerkrankung CAH) mit höherer Wahrscheinlichkeit bi- oder homosexuell werden[39].

Einfluss der sexuellen Orientierung von Eltern

Es gibt einige Studien, die den Einfluss der Eltern auf die Entwicklung der sexuellen Orientierung der Kinder untersuchen.

Eine Studie von Carone N. et al. untersucht, ob es einen Unterschied in der Entwicklung zwischen Kindern von homosexuellen Vätern, homosexuellen Müttern und heterosexuellen Eltern gibt. Es wurden 120 Kinder untersucht und sie waren im Alter von 3 bis 9 Jahren. In dieser Studie besuchen Forscher die einzelnen Familien. Die Forscher erhoben Daten von den Eltern durch einen Fragebogen. In dem Fragebogen ging es überwiegend um die Frage, wer was im Haushalt erledigt. Sie stellten außerdem Fragen, womit die Kinder hauptsächlich spielen und wie sie sich kleiden. Die Kinder nahmen an einer 5-minütigen Freispielsitzung teil bei der die Forscher die Kinder beobachteten. Jedem Kind wurde ein Rucksack zur Verfügung gestellt. Dieser Rucksack enthielt verschiedene Spielzeuge. Insgesamt waren es 15 Stück. Davon waren jeweils 5 Jungen-typisches Spielzeug (etwa Baukasten und Lastwagen), Mädchen-typisches Spielzeug (etwa Plüschpferd und Teeservice) und geschlechtsneutrales Spielzeug (etwa Telefon und Bücher). Die Forscher notierten die Anzahl der Sekunden mit der ein Kind mit einem Spielzeug beschäftigt war. Im Endeffekt fand die Studie heraus, dass Kinder von heterosexuellen Eltern und homosexuellen Vätern in ihrem Verhalten und im Spiel als männlicher oder weiblicher angesehen werden als Kinder von homosexuellen Müttern.[40]

Andere Studien untersuchten die sexuelle Orientierung von Erwachsenen, die bei homosexuellen Müttern aufgewachsen sind. Die Ergebnisse deuten doch darauf hin, dass die sexuelle Orientierung von Erwachsenen nicht von der sexuellen Orientierung der Eltern abhängig ist.[41]

Einfluss des Umgangs von Eltern mit der Sexualität ihrer Kinder

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die elterliche Unterstützung und Ablehnung. Die elterlichen Reaktionen beeinflussen die Identitätsentwicklung von Kindern. Wenn Jugendliche und junge Erwachsene elterliche Ablehnung erleben, dann haben sie oft ein geringeres Selbstwertgefühl. Im Gegensatz dazu haben Jugendliche und junge Erwachsene ein hohes Selbstwertgefühl, wenn sie elterliche Unterstützung erleben. Die elterliche Ablehnung der Sexualität von Jugendlichen gilt als eines der wichtigsten Probleme homosexueller Jugendlicher. Sie kann zu Depressionen oder Selbstmordgedanken führen.[42]

Anzeichen in der Kindheit

Das einzige in vielen Studien nachgewiesene Anzeichen in der Kindheit, das für eine spätere nicht heterosexuelle Orientierung spricht, ist das geschlechtsuntypische Verhalten im Kindesalter. Dies wurde sowohl in Zwillingsstudien nachgewiesen, bei denen ein Zwilling später heterosexuell und der andere dies nicht war, als auch in Längsschnittstudien, bei denen die Kinder drei Mal im Kindergarten- & Vorschulalter beobachtet und später dann die gleichen Kinder im Alter von 15 Jahren zu ihrer sexuellen Orientierung befragt wurden.

Kinder, die sich später in eine nichtheterosexuelle Richtung entwickeln, haben oft mehr Interesse an typischen Aktivitäten, Spielsachen & Spielkameraden des anderen Geschlechts, als an denen des gleichen Geschlechts. Das bedeutet, dass Jungen, die sich später nicht heterosexuell orientieren oft lieber mit Mädchen zusammen Puppen, oder „Vater, Mutter, Kind“, oder ähnliches spielen. Während Mädchen, die sich später nicht heterosexuell entwickeln lieber mit Jungen in ihrem Alter mit Spielzeugautos spielen. Geschlechtsuntypische Verhaltensweisen & Interessen im Alter von 3–5 Jahren sind meist konsistente Vorhersagen für die sexuelle Orientierung im Alter von 15 Jahren. Bei Jungen ist das Vorschulalter auch noch eine Phase, die gut zur Vorhersage der sexuellen Orientierung im Jugendalter genutzt werden kann.

Das geschlechtsuntypische Verhalten tritt intensiver bei später homosexuellen, als bei später bisexuellen Kindern auf.[43][44]

In diesem Zusammenhang sollte nochmal hervorgehoben werden, dass nicht alle Kinder, die geschlechtsuntypische Verhaltensweisen während ihrer Kindheit durchlaufen, später eine nicht heterosexuelle Entwicklung aufweisen und auch, dass Eltern, falls die Kinder ein geschlechtsuntypisches Verhalten aufweisen, den Prozess der sexuellen Orientierung nicht aufhalten können, indem sie ihren Kindern beispielsweise verbieten, mit den Spielsachen und Spielkameraden zu spielen, mit denen sie gerne spielen möchten.

Vergleich biologische & soziale Einflüsse

Insgesamt ist festzuhalten, dass biologische Ursachen für eine spätere nicht Heterosexualität als wahrscheinlicher gelten, als soziale Ursachen. Dafür spricht, dass die Anzeichen in der Kindheit (Geschlechtsuntypische Verhaltensweisen, siehe „Interessen von nicht heterosexuellen Kindern“) so früh auftreten, dass die Kinder zum einen noch nicht sozial beeinflusst sein können und zum anderen die Entwicklung sexueller Interessen noch sehr weit entfernt ist. Des Weiteren ist der Einfluss der Anzahl älterer Brüder bei später nicht heterosexuellen Männern ebenfalls kein sozialer Einfluss (siehe „Anzahl älterer Brüder“) und gilt als ein bewiesener Aspekt der Beeinflussung der sexuellen Orientierung. Für soziale Ursachen der sexuellen Orientierung gibt es jedoch bis jetzt noch keine Evidenzen, weshalb die biologische Ursachen-Hypothese zumindest nach dem jetzigen Forschungsstand als wahrscheinlicher anzusehen ist.[45]

Als weithin anerkannt gilt, dass Unterstützer der biologischen Ursachen-Hypothese der Nicht-Heterosexualität gegenüber deutlich toleranter eingestellt sind, unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung, als Unterstützer der sozialen Ursachen-Hypothese.

Psychiatrische Aspekte

Im ICD-10 ist extra angemerkt, dass sexuelle Orientierungen als solche nicht als Störungen anzusehen sind. Wohl aber können „Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung“ diagnostiziert werden (Code F66).

Hierzu zählen die „Ichdystone Sexualorientierung“ (F66.1), bei der die Betreffenden wünschen, ihre sexuelle Orientierung zu ändern, die „Sexuelle Reifungskrise“ (F66.0), die sich auf psychische Probleme im Zusammenhang mit Unsicherheit oder Wandel der Sexualorientierung oder Geschlechtsidentität bezieht, und die „Sexuelle Beziehungsstörung“ (F66.2), bei der die Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung Probleme bereitet im Hinblick auf bestehende oder angestrebte sexuelle Beziehungen.

Im DSM-IV gibt es nur unter „Sexuelle- und Geschlechtsidentitätsstörung“ die allgemeine Kategorie „nicht näher bezeichnete sexuelle Störung“ (302.9), unter der auch ein „andauerndes und ausgeprägtes Leiden an der sexuellen Orientierung“ diagnostiziert werden kann.

Unter „sexueller Orientierung“ werden nur Hetero-, Homo- und Bi- und Asexualität verstanden, nicht Paraphilien, also die von der „Norm“ abweichenden sexuelle Vorlieben.

Einzelnachweise

1) American Psychological Association: Sexual Orientation & Homosexuality. In: APA.org. 2008, abgerufen am 10. Juni 2021 (englisch).
2) Erwin J. Haeberle: Bisexualitäten – Geschichte und Dimensionen eines modernen wissenschaftlichen Problems. In: E. J. Haeberle, R. Gindorf: Bisexualitäten – Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 1–39.
3) Beispiel: „Faʻafafine are a heterogeneous group of androphilic males, some of whom are unremarkably masculine, but most of whom behave in a feminine manner in adulthood.“ Nancy H. Bartlett, Paul L. Vasey: A Retrospective Study of Childhood Gender-Atypical Behavior in Samoan Faʻafafine. In: Archives of Sexual Behavior. Band 35, Nummer 6, Dezember 2006, doi:10.1007/s10508-006-9055-1, S. 659–666.
4) Overview | The Asexual Visibility and Education Network | asexuality.org. Abgerufen am 15. November 2019.
5) Siggy: Splitting the Split Attraction Model. In: The Asexual Agenda. 2. April 2019, abgerufen am 15. November 2019 (englisch).
6) Nadine Schlag: Asexualität. Eine diskursive Annäherung. In: Michaela Katzer, Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, ISBN 978-3-8379-6799-9, S. 209–224.
7) Andrzej Profus: Unsichtbares sichtbar machen. Asexualität als sexuelle Orientierung. In: Michaela Katzer, Heinz-Jürgen Voß (Hrsg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, ISBN 978-3-8379-6799-9, S. 225–242.
8) Ahlers, Schaefer, Beier: Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit in DSM-IV und ICD-10. In: Sexuologie, 12 (3/4), 2005, S. 145.
9) Milton Diamond: Bisexualität aus biologischer Sicht. In: E. J. Haeberle, R. Gindorf: Bisexualitäten – Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 41–68.
10) Andreas Frank: Engagierte Zärtlichkeit: Das schwul-lesbische Handbuch über Coming-Out, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Homosexualität. BoD, Norderstedt 2020, ISBN 978-3-7526-1062-8, S. 93.
11) Alfred C. Kinsey u. a.: Sexual Behavior in the Human Male. Philadelphia 1948, S. 639 (englisch);
deutsch: Das sexuelle Verhalten des Mannes. Reinbek 1970.
12) Kim Ritter, Heinz-Jürgen Voß: Being Bi. Bisexualität zwischen Unsichtbarkeit und Chic. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3402-1.
13) Kim Ritter: Jenseits der Monosexualität: Selbstetikettierung und Anerkennungskonflikte bisexueller Menschen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN 978-3-8379-2945-4.
14) Jeremy Jabbour et al.: Robust evidence for bisexual orientation among men. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 20. Juli 2020, doi:10.1073/pnas.2003631117.
15) Martin Plöderl: Sexuelle Orientierung, Suizidalität und psychische Gesundheit, Beltz Verlag, Weinheim-Basel 2005, S. 5–9.
16) Stephen M. Horowitz, David L. Weis, Molly T. Laflin: Differences between sexual orientation behavior groups and social background, quality of life, and health behaviors – Statistical Data Included (Memento vom 9. Juli 2012 im Webarchiv archive.today). In: Journal of Sex Research, August 2001, bei findarticles.com
17) Kim Ritter, Heinz-Jürgen Voß: Being Bi. Bisexualität zwischen Unsichtbarkeit und Chic. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3402-1, S. 29–34.
18) J.L. Stewart, Leigh A. Spivey, Laura Widman, Sophia Choukas-Bradley, Mitchell J. Prinstein: Developmental patterns of sexual identity, romantic attraction, and sexual behavior among adolescents over three years. In: Journal of Adolescence. Band 77, Dezember 2019, S. 90–97, doi:10.1016/j.adolescence.2019.10.006, PMID 31693971, PMC 6885553 (freier Volltext).
19) Lisa M. Diamond: Was it a phase? Young women's relinquishment of lesbian/bisexual identities over a 5-year period. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 84, Nr. 2, 2003, ISSN 1939-1315, S. 352–364, doi:10.1037/0022-3514.84.2.352.
20) Joseph P. Stokes, Will Damon, David J. McKirnan: Predictors of movement toward homosexuality: A longitudinal study of bisexual men. In: Journal of Sex Research. Band 34, Nr. 3, Januar 1997, ISSN 0022-4499, S. 304–312, doi:10.1080/00224499709551896.
21) Lisa M. Diamond: Was it a phase? Young women's relinquishment of lesbian/bisexual identities over a 5-year period. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 84, Nr. 2, 2003, ISSN 1939-1315, S. 352–364, doi:10.1037/0022-3514.84.2.352.
22) Ulrich Biechele: Identitätsentwicklung schwuler Jugendlicher. Eine Befragung deutschsprachiger junger Schwuler in der schwulen Szene sowie im Internet. (PDF; 1,3 MB) Universität Basel, 2004. Fragebogen und Internetfragebogen. Alter 15–25
23) Bezogen auf dein Schwulsein, wie bezeichnest du dich? queer.de, 2004, Offene Internetumfrage.
24) David A. Putz, Steven J. C. Gaulin u. a.: Sex hormones and finger length – What does 2D:4D indicate? In: Evolution and Human Behavior. Band 25, 2004, S. 182–199 (englisch; PDF: 218 kB auf ucsb.edu (Memento vom 7. Januar 2010 im Internet Archive)).
25) Adolf Thiele: Kann Homosexualität strafbar sein? In: Sozialistische Monatshefte, 24. Heft, Dezember 1909, S. 1564, fes.de (PDF; Blatt 43)
26) Magnus Hirschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Reprint 1984, S. 489–490.
27) P. H. Gebhard: Incidence of overt homosexuality in the United States and western Europe, 1972,
in: J. M. Livingood (Hrsg.): National institute of mental health task force on homosexuality: Final report and background papers, Washington, Reprinted in Dynes, 1992, S. 26
28) M. G. Shively, J. P. De Cecco: Components of sexual identity. In: Journal of Homosexuality, 3, 1977, S. 41–48.
29) F. Klein, B. Sepekoff, T. J. Wolf: Sexual orientation: A multi-variable dynamic process. In: Journal of Homosexuality, 11, 1985, S. 35–49
30) B. R. Berkey, T. Perelman-Hall, L. A. Kurdek: The multidimensional skale of sexuality. In: Journal of Homosexuality, 19(4), 1990, S. 67–87
31) Tilman Eckloff: Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexuelle Orientierung: Eine empirische Untersuchung. Psychologische Diplomarbeit Universität Hamburg 2003 (PDF: 913 kB auf respectresearchgroup.org (Memento vom 1. April 2007 im Internet Archive)).
32) Bastian Dornbach: Sexualforscher: So nah am anderen Ufer. In: Die Zeit, Nr. 27/2008
33) Ulrich Bahnsen: Genetik: Erbgut in Auflösung. In: Die Zeit, Nr. 25/2008
34) Niklas Långström, Qazi Rahman, Eva Carlström, Paul Lichtenstein: Genetic and Environmental Effects on Same-sex Sexual Behavior: A Population Study of Twins in Sweden. In: Archives of Sexual Behavior. Band 39, Nr. 1, Februar 2010, ISSN 0004-0002, S. 75–80, doi:10.1007/s10508-008-9386-1.
35) Andrea Ganna, Karin J. H. Verweij, Michel G. Nivard, Robert Maier, Robbee Wedow: Large-scale GWAS reveals insights into the genetic architecture of same-sex sexual behavior. In: Science. Band 365, Nr. 6456, 30. August 2019, ISSN 0036-8075, S. eaat7693, doi:10.1126/science.aat7693, PMID 31467194, PMC 7082777 (freier Volltext).
36) S. LeVay: A difference in hypothalamic structure between heterosexual and homosexual men. In: Science. Band 253, Nr. 5023, 30. August 1991, ISSN 0036-8075, S. 1034–1037, doi:10.1126/science.1887219.
37) Felicitas Kranz, Alumit Ishai: Face Perception Is Modulated by Sexual Preference. In: Current Biology. Band 16, Nr. 1, Januar 2006, S. 63–68, doi:10.1016/j.cub.2005.10.070.
38) I. Savic, H. Berglund, P. Lindstrom: Brain response to putative pheromones in homosexual men. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 102, Nr. 20, 17. Mai 2005, ISSN 0027-8424, S. 7356–7361, doi:10.1073/pnas.0407998102, PMID 15883379, PMC 1129091 (freier Volltext).
39) Melissa Hines, Charles Brook, Gerard S. Conway: Androgen and psychosexual development: Core gender identity, sexual orientation, and recalled childhood gender role behavior in women and men with congenital adrenal hyperplasia (CAH). In: Journal of Sex Research. Band 41, Nr. 1, Februar 2004, ISSN 0022-4499, S. 75–81, doi:10.1080/00224490409552215.
40) Nicola Carone, Vittorio Lingiardi, Annalisa Tanzilli, Henny M. W. Bos, Roberto Baiocco: Gender Development in Children with Gay, Lesbian, and Heterosexual Parents. In: Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics. Band 41, Nr. 1, Januar 2020, ISSN 0196-206X, S. 38–47, doi:10.1097/dbp.0000000000000726.
41) Susan Golombok, Fiona Tasker: Do parents influence the sexual orientation of their children? Findings from a longitudinal study of lesbian families. In: Developmental Psychology. Band 32, Nr. 1, 1996, ISSN 0012-1649, S. 3–11, doi:10.1037/0012-1649.32.1.3.
42) Hallie R. Bregman, Neena M. Malik, Matthew J. L. Page, Emily Makynen, Kristin M. Lindahl: Identity Profiles in Lesbian, Gay, and Bisexual Youth: The Role of Family Influences. In: Journal of Youth and Adolescence. Band 42, Nr. 3, 31. Juli 2012, ISSN 0047-2891, S. 417–430, doi:10.1007/s10964-012-9798-z.
43) Gu Li, Karson T. F. Kung, Melissa Hines: Childhood gender-typed behavior and adolescent sexual orientation: A longitudinal population-based study. In: Developmental Psychology. Band 53, Nr. 4, 2017, ISSN 1939-0599, S. 764–777, doi:10.1037/dev0000281.
44) Tuesday M. Watts, Luke Holmes, Jamie Raines, Sheina Orbell, Gerulf Rieger: Gender nonconformity of identical twins with discordant sexual orientations: Evidence from childhood photographs. In: Developmental Psychology. Band 54, Nr. 4, April 2018, ISSN 1939-0599, S. 788–801, doi:10.1037/dev0000461.
45) J. Michael Bailey, Paul L. Vasey, Lisa M. Diamond, S. Marc Breedlove, Eric Vilain: Sexual Orientation, Controversy, and Science. In: Psychological Science in the Public Interest. Band 17, Nr. 2, September 2016, ISSN 1529-1006, S. 45–101, doi:10.1177/1529100616637616.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Orientierung. Abgerufen am 23.10.2021)


Unser Ziel ist es keineswegs, von "schwul" auf "hetero" zu wechseln. Für die Christinnen und Christen unter uns ist das Ziel, mehr wie Jesus Christus zu werden. Alles andere ist bestenfalls Mittel zu diesem Zweck.


Viele von uns haben sich im Laufe der Zeit als Teil von Gottes "heterosexueller" (dieser Ausdruck ist übrigens eine relativ junge Wortschöpfung!) Schöpfung gesehen. Anstatt sich als "gay", "schwul", "lesbisch" oder "homosexuell" zu definieren, sehen sie sich als Heterosexuelle. Ja, sie haben - aus welchen Gründen auch immer - gleichgeschlechtliche Neigungen. Das begründet für sie aber keine eigenständige Identität.


Diese veränderte Sichtweise hatte für viele unter uns enorme Konsequenzen für unser Leben. Anstatt jedem zu erzählen, wir seien "schwul", anstatt unser Leben nur um diesen einen Punkt zu organisieren, sehen wir uns als Menschen. Menschen wie alle anderen.



Ein Beispiel, wie es kommen kann:

Junge Menschen, die schon früh gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen machen, sehen sich viel zu früh als "gay". Eine derartige Entscheidung sollte - wenn überhaupt! - erst im Erwachsenenalter getroffen werden. Viele dieser jungen Menschen würden ohne die ständige Ermunterung (etwa durch Programme homosexueller Gruppen an Schulen, oder besonders "tolerante" Lehrer) schon sehr bald das Verlangen nach gleichgeschlechtlichem Sex verlieren. Werden sie aber dauernd dazu ermuntert (und sei es nur, indem man ihnen ständig erzählt, wie "normal" und "natürlich" das sei), verlaufen sie sich schon sehr früh in ein homosexuelles Leben, das nicht das ihre ist. Sie entscheiden sich für einen Lebensstil, den sie vielleicht nicht gewählt hätten, wenn man sie anders erzogen hätte. Ein Lebensstil mit völlig anderem Ausgang.
Ein gerade erwachsen gewordener Junge etwa, der bisher von Gleichaltrigen zurückgewiesen wurde, ist wahrscheinlich erstmal völlig begeistert, da ihn die schwule Szene mit offenen Armen empfängt (was seine Familie, Gleichaltrige, Schulfreunde oder seine Kirchengemeinde möglicherweise nicht getan haben - ein weiterer Beweis für die Wichtigkeit der richtigen Einstellung hierzu). Er stürzt sich sofort in schwulen Sex, den er wegen seines jugendlichen Alters sehr schnell und problemlos in Bars und Saunas bekommt. Oder auch durch Kontakte, die er durch das Internet macht. Oft geben junge Menschen für einen älteren Mann, den sie im Internet kennengelernt haben, Beruf, Familie und Freunde auf und ziehen nicht selten Hals über Kopf in ein anderes Land - auf der Suche nach der großen Liebe mit dem Märchenprinzen. Den "Traummann", von dem sie glauben, dass er all ihre emotionalen und sexuellen Bedürfnisse erfüllt. Dass dieser Mann vor ihnen wahrscheinlich schon unzählige andere junge Männer auf die gleiche Weise mit seiner Erfahrung verführt hat und er wohl auch nicht der letzte sein wird, merkt er erst Jahre später - als verbitterter, frühzeitig gealterter femininer Mann. (So muss es natürlich nicht zwangsweise kommen, aber leider finden sich solche Schicksale immer wieder).

Dieser schwule Sex wird für den jungen Mann auch schnell zur Sucht. Er fühlt sich innerlich nicht "Manns" genug. Indem er nun aber einen anderen männlichen Körper ansieht oder gar berührt/Sex mit ihm hat, kann er Männlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes fühlen. Wen interessiert da schon, dass ein "richtiger" Mann wohl kaum Sex mit einem anderen Mann haben würde und der angehimmelte Kerl vielleicht genauso gebrochen ist wie man selbst. Indem der junge Mann aber so handelt (durch Pornos, Fantasien oder Sex), verstärkt er diese fehlgeleitete Lust noch. Er sieht diese Männer als Objekte, die seine Bedürfnisse befriedigen sollen - und der Graben zwischen ihm und "richtigen" Männern wird immer größer. Ebenso der Graben zum anderen Geschlecht. Er wird unter Umständen sogar Sex-süchtig.

Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, dass sich all das zum Guten wendet: durch Beratung (etwa von Ex-Gay Ministries), gesunde männliche Beziehungen, Selbsthilfegruppen, die richtige Erziehung und die richtigen Vorbilder (u.a. muss der Vater lernen, seine Rolle zu erfüllen und seine Aufgabe richtig wahrzunehmen - er muss wissen, wie er mit seinem Sohn umgeht und wie er einen Mann aus ihm macht), einen gesunden Lebensstil, Bibellesen, aktive Teilnahme am Gemeindeleben, Gebet, Information (Seminare, Literatur) und ein entsprechender Strukturplan für die Therapie. Hierdurch lässt sich die Verwirrung hinsichtlich der eigenen Geschlechtsidentität erheblich korrigieren. Auch gleichgeschlechtliche Fantasien lassen sich hierdurch sehr vermindern.


Wer bin ich wirklich? Diese Frage hat uns viele Jahre lang verfolgt. Homosexualität ist nicht nur ein sexuelles, sonder vor allem ein Identitäts-Problem.

Auf unsere Gefühle oder Gedanken konnten wir uns dabei nicht verlassen – sie waren von der Vergangenheit verzerrt. Wir konnten auch nicht auf die Freunde vertrauen, die eine ebenso verzerrte Sichtweise hatten. Und wir hatten Angst, dass andere, die unseren inneren Kampf nicht teilten, ihn auch nicht verstehen konnten. Wem also sollten wir vertrauen?

"Es ist sicher, dass wir Menschen kein klares Wissen über uns selbst erhalten werden, solange wir nicht zuerst zu Gott blicken - und dann - indem wir Ihn betrachten, uns selbst erforschen können." (John Calvin, Institutes of the Christian Religion)

Gott hat unsere ersten Eltern nach seinem Bild erschaffen. Sie kannten Gott, verstanden einander, kamen gut miteinander aus und genossen ein Leben voller gesunder Liebe.

Sünde hat das alles geändert. Wenn wir nun Menschen ansehen, sehen wir nicht mehr länger das reine Abbild Gottes, sondern ein Bündel von Problemen.


Weil wir verstanden, dass die verzerrten Ideen über Gott zu einer verdrehten Auffassung von uns selbst führten, begannen wir, Gottes Angesicht durch Sein Wort und Seinen Sohn zu schauen. Wir fanden heraus, dass er weder weit weg noch ein Tyrann ist. Nun können wir auch anfangen, uns selbst besser zu verstehen. Zuerst müssen wir der Lüge ins Gesicht sehen, die wir über uns selbst angenommen haben - dann können wir die Wahrheit annehmen, die wir vermisst haben.

Obwohl wir vielleicht auf Christus vertraut haben und uns vollständig vergeben wurde und wir von unserem himmlischen Vater angenommen wurden, halten wir Ihn vielleicht immer noch auf Distanz und suchen anderswo nach Erfüllung - wegen unserer Ängste und verzerrten Vorstellungen. Somit versäumen wir wahre Befriedigung.

Die Bibel spricht von Gottes Zorn, versichert uns aber auch, dass Gott Liebe ist - immer und unveränderlich. Wie kann beides wahr sein? Da Gott uns liebt, muss er auf die Sünde reagieren, die für uns und andere so zerstörerisch ist.


"Die Bibel lehrt uns, dass Gottes Zorn sich darin zeigt, dass Er Männer und Frauen der vollen Kraft der Sünde überlässt. Gott verlässt sie nicht, aber in seiner harten Liebe erlaubt er es, dass sie die Ergebnisse ihrer jämmerlichen Wahl erleiden, sodass sie - indem sie über die Erfahrung von Schmerz und Kummer hinaus blicken - beginnen anzuerkennen, dass Gott alleine ihr wahrer Freund und Hilfe ist.

"Als Helen Keller (die im Alter von 19 Monaten krankheitsbedingt dauerhaft blind und taub wurde) zehn Jahre alt war, hat ihr Vater Phillips Brooks gebeten, ihr von Gott zu erzählen. Gerne tat er dies und die beiden korrespondierten Zeit seines Lebens. Brooks war zutiefst beeindruckt von der Bemerkung, die sie machte, nachdem sie sich das erste Mal zusammen unterhalten haben - nämlich, dass sie schon immer wusste, dass es da einen Gott gab, aber zuvor seinen Namen noch nicht gekannt hat." (Andrew W. Blackwood, Expository Preaching for Today)

"Du kannst es immer wieder hören - alle Arten von zweitrangigen Lösungen für zweitrangige Probleme. Natürlich sind das Probleme, aber sie sind nicht das zentrale Problem... Der wahre Grund, warum wir in einer derart schlimmen Lage sind, ist, dass wir uns von dem Gott abgewendet haben, der da ist und der Wahrheit, die er enthüllt hat. Das Problem ist, dass jedes Haus so heruntergekommen ist, dass jedes kleinere Erdbeben es bis in die Grundfesten erschüttern lässt." (Francis Schaeffer, Death in the City)

"Das gefallene Ich kann sich selbst nicht kennen. Wir wissen nicht, wer wir sind und werden eine Identität in jemand oder etwas anderes als Gott suchen, bis wir uns selbst in Ihm gefunden haben." (Leanne Payne, The Broken Image)

"Wenn du Gottes Wahrheit verachtest, wirst du dich in Satans Lüge verlieben." (A.W. Pink, The Sermon on the Mount)

"Andere Sklaven werden gegen ihren Willen gezwungen... Aber Sünder sind freiwillig Sklaven. Sie werden ihre Freiheit nicht annehmen - sie küssen ihre Fesseln." (Thomas Watson, A Body of Divinity)

"Es ist so dumm von der modernen Zivilisation, dass sie aufgegeben hat, an den Teufel zu glauben, wo er doch die einzige Erklärung für sie ist." (Ronald Knox in The World Treasury of Religious Quotations)

Im Römerbrief lesen wir, dass Gott Menschen, die sich von Ihm abwenden, der Unzucht überlässt, sowie der Homosexualität und anderen Unzulänglichkeiten. Wir können das Gleichnis vom verlorenen Sohn als Beispiel nehmen: Der Vater gibt den Sohn auf, der ihn vergessen hat: er lässt ihn gehen. Unser Vater im Himmel hält auch niemanden zurück. Aber er vergisst oder verlässt uns nicht, wenn er uns gehen lässt. Er wartet und hält Ausschau nach dem, der weggelaufen ist und wartet darauf, dass er von seinem Lebenswandel umkehrt. Er gibt uns also nicht auf, um uns zu zerstören, sondern um uns zu retten. (Walter Luthi, The Letter to the Romans)

Als wir Gott verloren haben, haben wir uns selbst verloren. Viele von uns hatten Minderwertigkeitskomplexe, ein geringes Selbstwertgefühl, fühlten sich alleine und hatten Angst. Unser Inneres passte nicht zu dem, was wir von außen bei anderen sahen.

Wir fühlten uns schon früh losgelöst von unseren Eltern, Gleichaltrigen und uns selbst und haben uns in Fantasien, Pornos und Masturbation geflüchtet.

Unsere Gewohnheiten machten eine wahre Intimität unmöglich. Unsere Lust hat wahre Liebe getötet.

Wir haben von anderen genommen, was uns selbst fehlte.


Was sind Charakteristika von "ungewollten" gleichgeschlechtlichen Neigungen?

Typische Ausdrucksformen wären etwa ein subjektiver und/oder objektiver Kontrollverlust (etwa hinsichtlich der Sexualkontakte oder von Pornographie) oder auch das subjektive Empfinden von Leid. Dies sitzt in der Regel so tief, dass ich den Betroffenen nicht einfach zu einer Therapie raten kann und darf, die ihnen dieses Leid "ausredet" (ein solches Vorgehen ohne Einverständnis des Betroffenen halten wir auch für zutiefst unethisch).
Oft wollen Menschen mit ungewollten gleichgeschlechtlichen Neigungen auch nicht unbedingt die Neigungen an sich "los werden", sondern die Kontrolle darüber wieder erlangen (also nicht mehr ein Sklave der Lust zu sein und seine Identität auch nicht mehr allein über das "Schwul-sein" zu bestimmen) und möglicherweise die Intensität und Häufigkeit dieser Neigungen herunterzuschrauben. In der Regel wollen sie - trotz oder auch gerade wegen dieser Neigungen - ein erfülltes Leben führen, so wie sie sich das für sich vorstellen. Jenseits von schwuler Szene und Partnerschaft.

Es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen. Noch weniger steht es uns zu, ihnen psychische Störungen deswegen einreden zu wollen (vielleicht wegen des eigenen schlechten Gewissens?), die sie nicht haben.


"Ich will endlich so sein, wie ich bin?"

Diesen Spruch hört man von vielen Schwulen. Nach langer "Selbstverleugnung" wäre nun der Damm gebrochen und sie könnten so sein, wie sie tatsächlich sind.

Wie aber sieht die Realität aus?

Kurz: Die Einzigen, die sie so nehmen, wie sie sind, sind wahrscheinlich die "Heteros". Die schwule Wirklichkeit - insbesondere für Männer - sieht anders aus.
Um auf dem "schwulen Fleischmarkt" Erfolg zu haben, versuchen viele, Stereotypen zu imitieren - oder verlangen dies von potentiellen Partnern. Das wird dann sogar als "Freiheit" von der bisherigen - tatsächlichen - Identität bezeichnet. So werden die Haare kurz geschoren, ein Holzfällerhemd und Jeans angezogen, man lässt sich einen Bart wachsen und meint dann, ein "richtiger" Mann zu sein. Je mehr man einer stereotypen Vorstellung eines "Hetero-Mannes" entspricht, desto besser. Das Problem dabei? Das ist eine Comic-Version von einem Mann. Mit wahrer Männlichkeit hat das aber schon gar nichts zu tun. Ein Bart und ein Holzfällerhemd machen einen mit Sicherheit nicht zum Mann. Vor allem aber verleugnet man damit sich selbst und fordert dies von anderen. "Freiheit" ist etwas anderes. Die Partner sind austauschbar und befriedigen im Grunde nur die eigenen Bedüfnisse und Wünsche. Irgendwann erledigt das Alter den Rest und ein Stereotyp lässt sich beim besten Willen nicht mehr konstruieren. Ich habe dies selbst getan und erfahren und ich habe es zur Genüge an anderen gesehen.

"Freiheit" ist das, was ich erleben durfte, nachdem ich die schwule Szene verlassen hatte. Endlich konnte ich mich dem Zwang des schwulen Fleischmarktes entziehen und so sein, wie ICH bin und sein will. Ich verlange von niemandem, dies zu mögen, ich werde mich aber bestimmt nicht mehr verleugnen, um jemand anderem zu gefallen. Er will dann nicht mich, sondern ein verzerrtes körperliches Bild von mir.

Besonders aber hat mich immer die Diskriminierung innerhalb der schwulen Szene geärgert und verletzt (wenn dies von Menschen kam, an denen mir was lag): wer nicht der schwulen Vorstellung eines Mannes entspricht, ist eine "Tunte" - und nichts ist schlimmer als das. Niemand will eine Tunte sein und distanziert sich davon, indem er andere als solche beschimpft. Die wahren "Tunten" stecken aber nicht selten in Holzfällerhemden.

Im Grunde ist das alles eine sehr tragische Entwicklung. Wer seine männliche Identität nie gefunden hat, jagt einer Fata Morgana nach, die dem entsprechen soll. Vor allem aber läuft er Männern hinterher, die diesem Trugbild am besten entsprechen. Hat er einen gefunden, bleibt er aber weiterhein auf der Suche, ob das Gras anderswo grüner ist. Nicht umsonst sind "Bären" so beliebt in der schwulen Szene, weil sie all die körperlichen Kriterien haben, die man als "männlich" vermutet: Dicker Bauch, behaart, kurze Haare, Bart, Holzfällerhemd, Jeans.

Die Einzigen, die mich so genommen haben, wie ich bin, waren "Heteros". Wo mich so mancher Schwuler beschimpft (oder aufgrund der Entsprechung mit dem "Ideal" als "geil" bezeichnet hat) hat, haben mir Heteros offen gesagt, was ihnen an mir gefällt.

"Freiheit" habe ich in der schwulen Szene nie gefunden. Sobald potentieller Sex meinerseits nicht mehr zur Verfügung stand, lösten sich schnell schwule "Freundschaften" auf. Ebensowenig selbstlose Liebe und Zuneigung und wahren Glauben.

Das mag politisch nicht korrekt sein, entspricht aber meinen Erfahrungen.

Robert


So we're supposed to dress up and hide our bodies?

It stuns me everytime to see the reaction of people who left their gay lives or Christians in general to pictures of the human body.
If you dare to post a picture of yourself shirtless, you get responses like "disgusting", "not appropriate" and the like.

So what about it?

We can talk at length about our distorted views of ourselves in our gay lives, but seeing a human body still shocks many of us. To cut it short: this might just as well be a sign of a distorted view of ourselves as some may have had in their gay lives. To hide our bodies creates a myth. They become foreign to us, something you are not supposed to show. What is foreign, becomes soon attractive when sexual desires kick in.

There is absolutely nothing wrong with our bodies. No matter what sexual attraction we have, we need a natural relationship to our bodily self! If you keep on hiding it so you and/or others won't get aroused, you cause exactly that! Forbidden fruit tastes best! I am not talking about running naked in the streets, but loving yourself and others like God created you! What is still kind of tolerated in public swimming pools becomes a no-go in the private area. That has to stop! You feed what you hide. The only way to stop an uncontrollable sex drive and lust when it comes to human bodies is to make them normal and natural to us, so we can enjoy them without fainting.

We need to learn to love ourselves and the way we look. That includes expressing your inner self in the way you dress. It hurts me to see how some people with same-sex attractions try to imitate "straight" people by dressing, talking and acting like them. That makes the gap between the two even bigger and causes an even more distorted view of oneself. Be as you are! Don't be a copy cat! Everybody else is already taken, so no need to imitate them!

If you are a man and you don't like to dress up as the regular John Doe, well then dress the way you feel good! People notice when your outward looks don't match your interior. Those looks will change once your inner world is more at peace.

If you are a woman and you absolutely don't like dresses and skirts, well then keep on wearing your jeans!

To think a "gay" person becomes "straight" by dressing up as one (or as they think a straight person looks like) is simply nonsense and can cause you inner harm if it causes or adds to an identity disorder.

Love yourself, then you can love others! Don't let anybody tell you you need to change your looks so that you become acceptable to them! Christian love is unconditional - no "but" attached!

Wollt ihr nicht die sexuelle Identität verändern oder unterdrücken? Sollen nicht auch heterosexuelle Empfindungen geweckt werden?

Nein zu allem davon. Wir sind keineswegs der Meinung, dass die sexuelle Identität verändert werden sollte. Selbst als Christinnen und Christen lehnen wir nicht die Neigung an sich ab, sondern gleichgeschlechtliche sexuelle Akte. Das ist unser gutes Recht.
Wir wecken auch keine heterosexuellen Empfindungen, wo keine da sind. Wenn jemand aber zu uns kommt und sagt, er/sie habe "verschüttete" heterosexuelle Empfindungen und will wieder Zugang dazu finden, so werden wir ihn/sie dabei begleiten - als Seelsorger und nicht als Therapeuten. Auch das ist unser Recht.


Die Tatsache, dass jemand körperliche Veränderungen hat (seien sie nun in den primären Geschlechtsmerkmalen, dem Gehirn oder der DNA), begründet noch lange kein "drittes Geschlecht", ebenso wenig wie gleichgeschlechtliche Empfindungen eine eigene sexuelle Identität darstellen. Erst recht nicht auf Grund der Selbstwahrnehmung in beiden Fällen. Derartiges anzunehmen ist absurd und führt - konsequent weiter gedacht - zu noch absurderen Schlussfolgerungen.


In meiner schwulen Zeit bin ich oft in Leder-/Jeans-Bars gegangen. Meist auch im entsprechenden Outfit. Trotzdem hat das "Gesamtbild" nie gepasst. Ich habe nie ganz in diesen Kleidungs- und Verhaltenskodex gepasst (sowenig wie mein Aussehen und Verhalten in meine Umwelt als Jugendlicher gepasst hat).
Auch in meiner Zeit als "Ex-Gay" habe ich nicht unbedingt jedermanns Erwartungen entsprochen. Der eine wollte mich als eine Kopie eines heterosexuellen amerikanischen Mittelklasse-Mannes sehen, der andere meinte, ich solle zu meinen schwulen Wurzeln stehen und auch entsprechend aussehen.
Schwule, die in mir den potentiellen Sex-Partner sahen, wollten mich nach ihren Vorstellungen formen.
Allen zusammen möchte ich sagen: Ich werde nie die Kopie eines anderen Menschen werden - denn den gibt es ja schon. Mein Äußeres wird immer mein Inneres widerspiegeln - und das muss auch so sein. Nur dann bin ich authentisch, nur dann bin ich "ich".


Wie kommt es, dass Schwule, die selbst regelmäßig schnell dabei sind, Respekt für sich und ihre Lebensweise einzufordern (wobei sie "Respekt" mit "Akzeptanz" gleichsetzen), gleichzeitig kein Problem damit haben, "Tunten" zu diskriminieren. Als "Tunte" wird dabei jeder gesehen, der in ihren Augen irgendwie weiblich wirkt (natürlich nicht sie selbst, obwohl das oft genug der Fall sein dürfte). Sie meinen, wenn sie sich die Haare kurz scheren, einen Bart wachsen lassen, Jeans und ein Holzfällerhemd tragen sowie sich einen Bauch wachsen lassen, sind sie "männlich". Das ist eine Karikatur von Männlichkeit! Ein Mann muss nicht in Armee-Klamotten oder Lederjacken herumlaufen, damit andere ihn als solchen sehen! Das ist ja das Drama: so manch einer der oben genannten dürfte ein Problem mit der eigenen (männlichen) Identität haben und meint nun, diese zu bekommen, indem er wenigsten so aussieht wie ein Mann (oder was er davon hält). Wenn ich nicht weiß, was einen Mann ausmacht, wenn ich Männlichkeit für mich nicht definieren kann, dann hilft mir auch das Holzfällerhemd nicht. Wenn ich es aber weiß, dann ich ich mich äußerlich geben, wie ich will - ich bin und bleibe doch ein Mann, der weiß, worauf es ankommt!



Identitätskonflikte


Laut Wikipedia bezeichnet eine Identität „die Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die eine Entität, einen Gegenstand oder ein Objekt kennzeichnen und als Individuum von anderen unterscheiden. In ähnlichem Sinn wird der Begriff auch zur Charakterisierung von Personen verwendet.“ Die psychische Identität beinhaltet weiterhin, dass man sich mit etwas oder jemandem Identifiziert – also etwa einer Gruppe. Wichtig ist hierbei, wie man sich selbst sieht und nicht etwa, was einem ein Fremder zuschreibt (wobei letzteres durchaus auf die eigene Sichtweise Einfluss nehmen kann). Ein Identitätsverlust kann somit einen Selbstwertverlust zur Folge haben.

Eine Störung der Identität kann besonders in Phasen auftreten, in denen die Identität noch in der Entwicklung ist – also etwa in der Jugend – oder wenn die eigene Sichtweise sich radikal von der Fremdwahrnehmung unterscheidet. Weiterhin kann die Umwelt einen derart bestimmenden Einfluss auf die eigene Sichtweise und damit Identität nehmen, dass diese aus dem Gleichgewicht gerät. Schließlich können auch körperliche oder psychische Wahrnehmungsstörungen (etwa bei der Magersucht) die eigene Identität ins Wanken bringen.

Eine stabile Identität bedarf ein Akzeptieren des eigenen Körpers und ein effektives Nutzen desselben. Weiterhin ist hierfür eine Annahme des Geschlechtes notwendig (also Mann oder Frau). Sie umfasst weiterhin reife Beziehungen zu männlichen und weiblichen Altersgenossen und später zum Partner (bzw. zur Partnerin). Eine stabile Identität bedeutet auch die emotionale Abnabelung von den Eltern bzw. von Erwachsenen allgemein und ein aktives Entwickeln und Verfolgen von Zukunftsperspektiven. Im Zuge all dessen wird sich auch ein sozial verantwortungsvolles Verhalten sowie ein eigenes Wertesystem, ethisches Bewusstsein und möglicherweise ein religiöses Glaubenssystem herausbilden. Eine reife Identität weiß, wer man ist und was man will. Dies jedoch nicht unabhängig von der Umwelt, deren Teil wir sind – die Selbstwahrnehmung muss also im Einklang mit der Fremdwahrnehmung sein.

Eine unreife oder gestörte Identität wird sich unter anderem in den Beziehungen zu den Eltern, zu Gleichaltrigen und zum Partner bzw. zur Partnerin zeigen – oder auch auf der Symptom-Ebene in Form von körperlichen oder psychischen Störungen oder gar Erkrankungen (manche werden hier noch die spirituelle Ebene anführen). Ein Identitätskonflikt mit widerstrebenden Impulsen wird sich ein Ventil suchen, um „Dampf abzulassen“ - etwa die Magersucht oder eine Zwangsstörung.

Ursächlich hierfür kann außerdem ein fehlendes Vorbild sein, an dem sich der/die Einzelne orientieren kann.

Was die sexuelle Identität angeht, so finden sich auch hier die beiden unterschiedlichen Sichtweisen: nämlich wie man sich selbst sieht oder definiert und wie dies die Umgebung tut. Weiterhin ist hier zwischen der Identität (wie sehe ich mich selbst) und der Orientierung (die auf eine andere Person gerichtet ist und auf dem sexuellen und emotionalen Begehren fundiert) zu unterscheiden. Eine sexuelle Identität umfasst also mehr als eine sexuelle Orientierung. Im Alter von 18 bis 24 Monaten fängt ein Kind an, Geschlechtsunterschiede zu erkennen und orientiert sich in der Regel am gleichgeschlechtlichen Elternteil. Ist dieser aus welchem Grund auch immer nicht zugänglich, kann es zu einer Entwicklungsstörung und damit zu einer Identitätsstörung kommen. Diese äußert sich dann u.a. in Problemen im Umgang mit dem eigenen, aber auch mit dem anderen Geschlecht. Weitere Ursachen können sein: Verletzung der Generationsgrenzen in der Entwicklung des Kindes, die Abwertung des gleichgeschlechtlichen Elternteils oder die Trennung der Eltern und damit eine gestörte Bindung zum gleichgeschlechtlichen Elternteil.
Während Sex sich auf das biologische Geschlecht bezieht, umfasst „Gender“ das subjektiv wahrgenommene Geschlecht bzw. die Auslegung der eigenen Geschlechtsrolle. Unterscheidet sich die Geschlechtsidentität und das Geschlechtsrollenverhalten vom Zuweisungsgeschlecht, spricht man von einer Geschlechtsinkongruenz. Dies kann zu Unbehagen bezüglich der eigenen primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale führen.

Grundsätzlich wird von einer Störung der Geschlechtsidentität gesprochen, wenn der/die Einzelne bezüglich der eigenen Männlichkeit oder Weiblichkeit verunsichert ist.


"Ich bin homosexuell"??

Viele "Homosexuelle" sagen von sich selbst: "Ich bin homosexuell". Als ob sie ein völlig anderer Mensch als ein Heterosexueller wären. Das mag zwar zunächst eine Art von Erleichterung verschaffen, wenn man lange Zeit mit sich selbst gehadert hat, damit nimmt man für sich selbst aber auch eine tragische Außenseiterrolle an. Mit einer nüchternen Selbstwahrnehmung hingegen würde man von sich selbst sagen: ich habe zwar homosexuelle Gefühle, glaube aber nicht daran, dass ich ein homosexueller Mensch bin. Ich bin, was ich bin: ein Heterosexueller wie alle anderen auch - mit einem homosexuellen Problem ("Problem" nicht im Sinne einer Krankheit, sondern als gegen den eigenen Glauben gerichtet). Der Effekt dieser selbst angenommenen Außenseiterrolle wird erst einmal positiv empfunden: man fühlt sich "zuhause" in Gemeinschaft mit anderen Homosexuellen und der Druck, homosexuelle Neigungen bekämpfen zu müssen, fällt weg. Außerdem macht es natürlich zunächst einmal "Spaß", seine sexuellen Fantasien auszuleben. In Wahrheit aber hat man nur ein Versteck im Leben gefunden. Man gibt nach, weil man sowieso nicht auf eine Veränderung hofft. Und rechtfertigt das Ganze vor sich selbst, indem man alle möglichen wissenschaftlichen Gründe vorschiebt. Außerdem tun es ja schließlich alle und man tut auch keinem weh dabei. Was ist schon dabei?

Dieses Leben hat aber auch eine Kehrseite: wahres Glück wird man dabei nicht finden, ebenso wenig den "Traumpartner". Auch die Bedürfnisse nach unerfüllter Liebe und Zuneigung, die man damit eigentlich befriedigen will, wird man so nicht stillen können.

Als Christen verlieren wir so die Eigenschaft, die uns eigentlich auszeichnet: wir können nicht mehr Salz und Licht für die Welt sein. Wir können nicht von Jesu Liebe und Gnade künden, wenn wir gleichzeitig selbst weiter sexuell sündigen.

Mal ganz abgesehen davon: jeder homosexuelle Mensch hat gerade als Jugendlicher oft Phasen, wo er noch heterosexuelle Neigungen verspürt, dann wieder Phasen mit mehr gleichgeschlechtlichen. Durch eine frühzeitige Etikettierung als "homosexuell" legt man sich frühzeitig auf eine Richtung fest, die man sich eventuell auch sparen hätte können.